Eine Firma anzumelden ist in Deutschland ein Behördenmarathon. In Schleswig-Holstein soll das inzwischen an einem Tag gehen. Gebaut hat die Plattform dahinter keine der großen Beratungen, die beim Thema Verwaltungsmodernisierung immer wieder im Gespräch sind, sondern eine Agentur aus Kiel mit knapp 20 Leuten und ohne Investorengeld.
Stellt euch vor, ihr wollt ein Unternehmen gründen. Gewerbeamt, Finanzamt, Krankenkasse, Notar, jedes Amt für sich, keines redet mit dem anderen. Ihr tippt eure Daten überall neu ein, vieles läuft per Post, und am Ende lesen sich die Briefe wie eine Vorladung. Das Ergebnis kennt jeder, der es versucht hat. Es dauert, es nervt, und es fühlt sich an, als hätte der Staat an Gründern kein Interesse.
Willkommen zur 10. Ausgabe von PAPIERSTAU, dem Newsletter über die Unternehmen, die die Verwaltung digitalisieren. Heute geht es nach Norden. Ich habe mit Thomas Tucker gesprochen, einem der vier Gründer von PCT Digital. Außerdem: Noch eine Idee aus Bielefeld rund um das Gründen in 24 Stunden.
Die 24-Stunden-Gründung ist gerade ein großes Thema in Berlin. Digitalminister Wildberger will schon bald eine erste Version an den Start bringen. Rechtsform wählen, Unternehmen digital anmelden, im Idealfall an einem Tag erledigt. Es gibt mehrere Versionen der Ideen, die gerade miteinander wetteifern: Das BMDS und der Digitalservice des Bundes haben gerade eine Pilotphase gestartet. Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin haben ihrerseits Eckpunkte für ein Gründungsbeschleunigungsgesetz vorgelegt. Der Vergleich tut weh. In Österreich lässt sich eine Ein-Personen-GmbH seit Jahren komplett online gründen, bei uns hängt es an Notarterminen, an der Stammkapitaleinzahlung und an Ämtern, die ihre Daten nicht teilen. Auch wenn sich viel tut, noch ist hier nicht das letzte Wort gesprochen und Schleswig-Holstein hat darauf nicht gewartet.
PCT hat für Schleswig-Holstein eine Plattform namens Startup-Hafen gebaut. Sie bündelt den Gründungsprozess digital an einer Stelle und schafft Schnittstellen zu den Ämtern dahinter. Tucker ist ehrlich, wo die eigentliche Arbeit liegt: „Primär ist es eine sexy Oberfläche für Gründer, die ohne Gang zum Amt gründen wollen“, sagt er. Hier müssen wir das Ganze auf zwei Ebenen betrachten. Die eine ist die Plattform, die Unternehmen wie PCT bauen können, die andere ist die bürokratische Entflechtung, die nur beim Staat passieren kann, bei der Registermodernisierung im Hintergrund. Heute geht es um die Oberfläche, das Frontend, wenn man so will. Die Annahme hinter der Arbeit von PCT Digital: Gründen geht schon schnell, wenn die Daten nur sauber eingegeben werden und in gutem Zustand bei den eintragenden Stellen ankommen.
Angefangen hat es mit Einzelunternehmern und der Gewerbeanmeldung. Die Variante für Kapitalgesellschaften und die Schnittstelle zur Bundesnotarkammer werden gerade gebaut. Ein Problem bleibt hartnäckig. Für eine GmbH muss Stammkapital aufs Konto, und das geht über die Bank kaum in 24 Stunden. Das Spannende ist ohnehin nicht die einzelne Funktion, sondern die Idee. Wenn die Schnittstellen einmal stehen, lässt sich daran nach und nach der gesamte Lebenszyklus eines Unternehmens abbilden.
Eine Agentur aus Kiel
Hinter Startup-Hafen steht eine kleine Firma mit einer typischen Bootstrap-Geschichte. Vier Gründer, drei kennen sich aus der Schulzeit in Schleswig an der Schlei. Aus einer GbR wurde 2019 eine GmbH. In den ersten Jahren lebte man von einem Auftrag zum nächsten. Drei, vier Monate Geld, dann musste der nächste Deal her, sonst wäre die Firma platt gewesen. Investorengeld haben sie nie genommen, gewachsen sind sie aus eigenen Gewinnen, von drei auf knapp 20 Leute, inklusive eigener Azubis.
Begonnen haben sie in der Pflege, dann kamen über einen Kommunaldienstleister Abfallwirtschaft, Stadtwerke und schließlich das E-Government dazu. Aus dieser Zeit stammt ein Produkt, das ich mag, gerade weil es so unspektakulär, aber wichtig ist. PCT betreibt eine App für die Abfallwirtschaft, die erinnert, wann der Gelbe Sack abgeholt wird, über die man Sperrmüll bestellt und perspektivisch per Bilderkennung prüft, ob etwas Sondermüll ist. Über eine Viertelmillion Menschen nutzen sie, mehr als manche gehypte App. Keine Glamour-Technik, über die jemand auf einer Konferenz spricht, sondern genau die Sorte Digitalisierung, die im Alltag ankommt, weil, ja, Müll hat eben jeder.
PCT Digital profitiert von einer stabilen Landesregierung, die gerade viele Dinge angeht, auf Open Source und KI setzt, und das Label aus dem Norden wirkt inzwischen als Verkaufsargument. Der härtere Teil des Pitchs hat mit Technik aber wenig zu tun. „Wir sind die Agentur, die mit der Belegschaft gemeinsam umsetzt”, sagt Tucker. „Wir haben keine Scheu vor Digitalisierungsmuffeln und keine Scheu vor komplexen Prozessen.” PCT verkauft sich als Unternehmen, das keine Angst vor komplexen Prozessen und Digitalisierungsmuffeln hat und gemeinsam mit der Belegschaft entwickelt, statt nur ein Lastenheft abzuarbeiten. Wer ein Behördenprojekt scheitern sah, weiß, dass genau hier die meisten sterben. Nicht am Code, sondern an den Menschen.
Was das Modell trägt
Der Großteil des Umsatzes kommt aus Projekten. Sechs Monate, Summe X, dann muss der nächste Auftrag her. Wiederkehrende Einnahmen aus Lizenzen sind bislang der kleinere Teil. „Da muss man sich ehrlich machen”, sagt Tucker. „Wir sind keine Produktfirma, die von Lizenzen lebt. Wir sind eine Agentur.” Das ist das strukturelle Thema vieler Govtech-Firmen. Du bist so stabil wie dein nächstes Projekt. Der Plan ist deshalb, reife Projekte in Produkte und Rahmenverträge zu überführen, etwa als fester Partner des Landes für Startup-Hafen.
Dazu kommt NetUnity. Um an die wirklich großen Ausschreibungen heranzukommen, ist PCT einem Verbund aus rund einem Dutzend Firmen beigetreten. Tucker sagt, PCT sei damit in einem Segment angebotsfähig, das die Firma allein erst in zehn Jahren erreicht hätte. Clever, aber es sagt viel über den Markt. Wer nicht hunderte Mitarbeiter auf dem Papier vorweisen kann, ist außen vor, egal wie gut er lokal liefert. Der Markt belohnt Größe, nicht die beste Lösung vor Ort.
Und schließlich die Reichweite. Startup-Hafen funktioniert in Schleswig-Holstein, bundesweit ist es ein Hoffentlich. Gleichzeitig baut der Bund mit der Telekom an einer eigenen Bürger-App. Ob lokale Pioniere wie PCT hochskaliert oder von zentralen Plattformen überrollt werden, ist die offene Frage. PCT ist selbstbewusst: „Wir wollen eine der Firmen sein, die das, was sich die Bundesebene ausdenkt, tatsächlich umsetzt. Und zwar so, dass es in zwölf bis 24 Monaten live ist und für die Bürger erlebbar.”
Was ich davon halte
Mein größeres Ziel in diesem Newsletter ist die Frage, wie wir einen Staat hinbekommen, der von unten bis oben funktioniert. PCT ist dafür ein gutes Anschauungsstück. Ein kleines, lokales Unternehmen, das Dinge zu Ende baut und nah an den Leuten bleibt, die sie nutzen. Tucker beschreibt seine schönste Vision nicht über Umsatz, sondern über Menschen. Eine Firma mit 30 bis 50 Leuten, die sich sicher fühlen und gern zur Arbeit gehen.
Die Lehre ist nicht, dass Kiel toll ist. Sie lautet, dass funktionierende Staats-Software oft nicht aus dem Scheinwerferlicht kommt, sondern aus genau solchen kleinen Teams, die ohne großes Aufheben einfach da sind und liefern. Die Müll-App mit einer Viertelmillion Nutzern stand nie auf einer Bühne. Sie läuft einfach. Die Frage ist, ob unser System solche Firmen wachsen lässt oder ob es nur gelernt hat, bei den Großen einzukaufen, über die ohnehin alle reden.
Bürokratie noch nicht aufgelöst, aber immerhin verschoben: Bielefelds 24-Stunden-Gründung
Jüngst wurde da noch eine Idee rund um die 24-Stunden-Gründung vorgestellt, die ich erwähnenswert finde: der sogenannte Bielefelder Shortcut. Erwähnenswert vor allem, weil er zeigt, wie kreativ man mit der Bürokratie umgehen kann.
Im Kern ist die Idee ein Trick. Statt ein Unternehmen mühsam neu zu gründen, übernehmen Gründerinnen und Gründer eine bereits vorbereitete Gesellschaft, eine UG oder GmbH, samt Geschäftskonto und Steuernummer. In einem Notartermin werden Holding und Gesellschaftsverträge aufgesetzt, die Förderzusage kommt am selben Tag. Aus den sonst gut 30 Arbeitsstunden werden ein paar wenige und man kann sofort mit der operativen Arbeit beginnen. Möglich machen das fünf Partner des Bielefelder Ökosystems, von der Volksbank in Ostwestfalen über die Founders Foundation bis zur WEGE, die mit ihrem Start-up-Paket bis zu 64.000 Euro Mietkostenzuschuss über vier Jahre drauflegt. Ab Juli soll es losgehen.
Ich finde, man muss das einordnen: Übertragbar ist das zwar irgendwie, aber nicht ganz so leicht. Was in Bielefeld funktioniert, funktioniert dort, weil rund um die Gründungsschmiede Founders Foundation seit Jahren ein echtes Ökosystem gewachsen ist, eingespielte Partner, die an einem Strang ziehen, inklusive. Solche Strukturen lassen sich nicht per Beschluss in jede Kommune kopieren. Es gibt sicher ein paar andere Standorte, die Ähnliches könnten, aber es bleiben wenige Ausnahmen.
Außerdem: Das eigentliche Problem löst der Shortcut nicht. Die überbordende Bürokratie rund um eine Gründung verschwindet ja nicht, sie wird nur verschoben. Jemand hat die Gesellschaft vorab gegründet, jemand kümmert sich im Hintergrund um die Formalitäten, der Aufwand fällt nur nicht mehr bei den Gründenden an. Das ist clever organisiert, aber es ersetzt auf Dauer keine Vereinfachung der Verfahren, an der Bund und Länder mit ihren Gründungsbeschleunigungsgesetzen gerade arbeiten.
Trotzdem überwiegt für mich das Positive. Der Shortcut sorgt genau an der Stelle für Entlastung, an der sie gebraucht wird, nämlich beim Unternehmensstart, wenn Zeit und Nerven knapp sind. Und er zeigt etwas, das in der Debatte oft untergeht: Man kann unbürokratisch etwas auf die Beine stellen, wenn man denn will. Nicht jede Beschleunigung braucht ein neues Gesetz. Manchmal reicht es, die bekannten Schritte einfach anders zu organisieren.
Weiterführende Links:
Meine Texte zur 24-Stunden-Gründung beim Tagesspiegel Background, als Einordnung des bundespolitischen Rahmens:
So könnten Unternehmensgründungen künftig schneller gehen
Diese Ideen kämpfen um den Zuschlag
Länder legen Eckpunkte für Schnell-Gründung vor
Startup-Hafen, die Plattform selbst kann man sich hier ansehen.
PCT Digital, die Firma hinter dem Projekt, mit den Lösungen für Abfall, Stadtwerke und Energie.
NetUnity, der Verbund, über den kleine Anbieter gemeinsam auf große Ausschreibungen zielen.
Die Open-Source- und Digitalstrategie Schleswig-Holsteins, der politische Rückenwind hinter der Geschichte.
Es ist – zugegeben – Äonen her, dass ich mir das Gründungsökosystem rund um Bielefeld einmal für Business Punk angeschaut habe. Ich glaube, in Grundzügen gilt da aber vieles von noch.
Kennt ihr in eurer Region so eine Firma? Klein, lokal, einen echten Verwaltungsknoten gelöst? Und glaubt ihr, dass solche Anbieter eine Chance gegen die Großen haben? Schreibt mir.
Schönes Wochenende!
