
Foto: Aaron Leithäuser.
Bisher ging es in diesem Newsletter fast immer um Firmen, die den Staat für seine Bürger digitalisieren. Heute drehen wir den Blick um. Es geht um eine Firma, die den Staat für die durchsuchbar macht, die mit ihm zu tun haben. Kein Govtech im engeren Sinn, aber so nah dran, dass es sich zu erzählen lohnt. Und außerdem, Trommelwirbel, mein erstes nicht-deutsches Unternehmen in diesem Newsletter.
Stellt euch vor, ihr könntet jede relevante staatliche Handlung mitlesen, überall auf der Welt, in jeder Sprache, in dem Moment, in dem sie passiert. Nicht nur, dass etwas passiert ist, sondern warum es für euch wichtig ist. Genau das verkauft Spencer Hawes, ein Amerikaner in Amsterdam, dessen Firma Policymate im französischen Lille sitzt und von der Station F in Paris gefördert wird. Ok, cool!
Und damit herzlich willkommen zur 14. Ausgabe von PAPIERSTAU, meinem Newsletter über die Unternehmen, die helfen, den Papierstau in der Verwaltung zu beseitigen.
Erst mal zur Person: Hawes ist in Kalifornien aufgewachsen, im Silicon Valley, hat in Harvard Jura studiert, war bei Uber und gründete danach in Washington eine Public-Affairs-Firma, mitten in der Pandemie. Er zog dann nach Amsterdam, erst als Experiment, blieb, heiratete, kaufte ein Haus. Seine neue Firma ist rund zehn Monate alt und sitzt im HEC-Inkubator der Pariser Gründerinnen- und Gründungsschmiede Station F.
Und gerade im aktuellen Klima stellt sich schon die Frage: Warum eigentlich Europa? Jedenfalls hab ich sie mir gestellt. Und die Antwort hat mir tatsächlich gut gefallen: In Europa sei das Talent verfügbarer und günstiger, was einer jungen Firma mehr Zeit verschafft. Vor allem aber wolle er ein europäischer Champion werden. „Ich glaube an Europa”, sagt er. „Wir sind wirklich begeistert von Europas Potenzial, und wir wollen ein Teil davon sein.”
Aber, klar, Hawes ist Amerikaner. Silicon-Valley-Modell ohne das Ego nennt er die Art, wie er arbeiten möchte. Er wolle groß bauen, aber damit das Produkt nützt. „Unser Antrieb ist nicht, was unsere Bewertung ist oder was auf dem Papier steht“, sagt er. „Unser Antrieb ist das, was wir in der echten Welt sind.” Dass ausgerechnet ein Amerikaner so auf den Kontinent setzt, den seine Heimat gerade abschreibt, ist die vielleicht schönste Volte des Gesprächs.
Eine Suchmaschine für Staatshandeln
Was Policymate baut, nennt Hawes eine Intelligence Engine. Das heißt, die Firma liest riesige Mengen unstrukturierter Daten ein. Das können Anhörungen, Gerichtsentscheidungen, Pressemitteilungen, Berichte oder Verwaltungsakte sein. Weltweit und in jeder Sprache. Daraus wird pro Nutzer gefiltert, was ihn betrifft und warum. „Es ist nicht nur: Hey, irgendetwas ist passiert“, sagt Hawes. „Es ist: Das ist passiert, es ist wichtig, und hier ist der Grund.“ Das Ziel, wie er es formuliert, ist es, nie die zweite Person zu sein, die etwas erfährt, und keine blinden Flecken mehr zu haben.
Wer kauft das? Zuerst Public Affairs, also Leute, die für Unternehmen die Beziehungen zur Politik pflegen. Dazu Kanzleien, Verbände, NGOs und, das fand ich spannend, Hedgefonds. Kurz: Alle, deren Job davon abhängt, früh zu wissen, was Regierungen tun, und die schnell darauf reagieren müssen.
Die Quellen sind anpassbar. Für die EU deckt Policy Mate den Brüsseler Apparat ab, Kommission, Parlament, Rat, und falls ein Kunde es braucht, eben auch das bolivianische Wasserministerium, oder das amerikanische Innenministerium, oder was man eben braucht. Was sein Unternehmen hervorhebe, so Hawes, sei, dass mehr als die Hälfte dieser Quellen für gängige KI-Systeme unsichtbar seien, weil Webseiten und Dateistrukturen sie verbergen. Policymate hat Technik gebaut, um sie trotzdem zu überwachen.
Ausgespielt wird das in einem IntelligenceFeed, den man auch per E-Mail oder Slack bekommt, ein, wie Hawes sagt, sehr viel schickeres RSS. Dazu kommt ein Assistent, der auf den maßgeschneiderten Datensatz zugreift und thematische Analysen und Stakeholder-Karten liefert.
Das Warum
Mich hat bei Policy Mate vor allem das Warum interessiert. Sprachmodelle geben ein Gefühl von Wissen, aber sie wissen ja selbst nichts. Wie also macht man aus dem, was sie herausfinden, eine belastbare Aussage, wenn Menschen darauf regulatorische Entscheidungen stützen? Hawes räumt ein, dass das der schwere Teil sei. Die KI solle sich gar nicht zwischen Nutzer und Rohinformation drängen, die Fakten blieben direkt zugänglich. Ihr Job sei die Einordnung, und die werde besser, je länger man das Werkzeug nutze. Er vergleicht es mit einer guten Neueinstellung, die am ersten Tag auch noch nicht ihr Bestes gebe.
Zur europäischen Regulierung gibt er eine bewusst diplomatische Antwort. Sie sei kein Entweder-oder. Manches sei selbstschädigend, wenn Europa technologisch mit den USA gleichziehen wolle. Anderes, Lebensqualität, Privatsphäre, gesunde Märkte, sei ein echter Wert. Sein Fazit, kluge Regulierung sei der Weg, ist schwer angreifbar und deshalb auch ein bisschen unbefriedigend.
Was ich davon halte:
Policymate ist ein faszinierendes Werkzeug, und es ist ehrlich, es als solches einzuordnen, statt es als Verwaltungsretter zu verkaufen. Es digitalisiert nicht das Amt, es macht den Staat lesbar. Das kann im besten Fall der Transparenz dienen, das kann aber auch eigenen Interessen dienen. Hawes nennt selbst Redaktionen und NGOs als mögliche Kunden, und für einen überlasteten Journalisten wäre ein System, das alles Übrige mitliest, tatsächlich ein Kraftverstärker.
Aber genau hier liegt der Haken, und er ist grundsätzlich. Wissen ist Macht, und dieses Wissen kostet Geld. Die Kernkundschaft sind Unternehmen, Kanzleien und Hedgefonds, also die, die ohnehin die Mittel haben, Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ein Werkzeug, das verspricht, immer als Erster zu wissen, was der Staat plant, verschärft tendenziell den Vorsprung der Gutbetuchten gegenüber allen anderen. Das ist aber ein KI-Thema und kein Policy-Mate‑Thema. Der Bürger, um den sich in diesem Newsletter alles dreht, ist hier nicht der Kunde, sondern bestenfalls der ferne Nutznießer. Ob so ein Werkzeug das Spielfeld ebnet, weil sich auch kleine Verbände plötzlich Überblick leisten können, oder ob es die Kluft vertieft, ist die eigentliche Frage und wird sich zeigen.
Bleibt der Gedanke, der mir hängengeblieben ist. Ein Amerikaner baut in Lille und Amsterdam, weil er an Europa glaubt. Das ist mehr wert als jede Sonntagsrede über digitale Souveränität und eine Message, die wir alle dieser Tage mit nach Hause nehmen sollten. Ob sein Werkzeug am Ende der Demokratie dient oder nur denen, die sie bearbeiten, wird sich zeigen.
Weiterführende Links:
Hier geht es zu Policy Mate.
Hier geht es zur Station F in Paris, Europas größter Startup-Campus, in dem Policymate im HEC-Programm sitzt, als Blick auf das europäische Gründungsökosystem.
Hier geht es zum LinkedIn-Profil von Insa Schniedermeier, die das Start-up-Ökosystem in Paris wie keine zweite kennt.
Wer in Brüssel versucht, Politik zu beeinflussen, steht hier drin, mit Budgets drin. Das soll das Ganze transparent machen.
Zum Unterschied zwischen Public Affairs und klassischer PR, für alle, die mit dem Begriff wenig anfangen können.
Würdet ihr einem Werkzeug vertrauen, das euch sagt, was der Staat gerade tut und warum es euch betrifft? Und findet ihr es gut oder bedenklich, wenn ausgerechnet gut zahlende Kunden immer als Erste wissen, was in der Politik passiert? Schreibt mir.
Schönes Wochenende!
