
Diese Ausgabe wird von einem besonderen Sponsor ermöglicht: von der Chance-Jugend-Stiftung, die immer versucht, mit engagierten Menschen in Kontakt zu kommen. Also genau mit euch. Mehr dazu am Ende des Newsletters.
Geht eine Behörde in die Cloud, wandern ihre Daten auf fremde Rechner. Beim Bürgeramt sind das eure Meldedaten, im Krankenhaus sind es die Diagnosen, im Register könnte es die Gewerbeanmeldung sein oder der Steuerbescheid. Das Problem ist: Wer den Server betreibt, könnte technisch gesehen mitlesen. Enclaive will das verhindern. Sogar dann, wenn die Daten bei Amazon oder Microsoft liegen.
Man kann sich das wie einen Tresor vorstellen, den ihr in ein fremdes Lagerhaus stellt. Bisher galt: Wer den Schlüssel zum Lagerhaus hat, kommt auch an den Tresor. Confidential Computing dreht das um. Der Tresor bleibt verschlossen, während drin gerechnet wird, und der einzige Schlüssel bleibt bei der Behörde. Ja, ich weiß, das hinkt etwas. Aber ihr versteht schon.
Und damit willkommen zur 11. Ausgabe von PAPIERSTAU, dem Newsletter über die Unternehmen, die die Verwaltung digitalisieren. Über Confidential Computing habe ich schon einmal geschrieben, damals über Edgeless Systems. Heute geht es um den zweiten deutschen Anbieter in diesem kleinen, aber strategisch wichtigen Feld: Enclaive. Gesprochen habe ich mit Norbert Müller, dem Chief Strategy Officer der Firma. Und Müller ist selbst ein Teil der Geschichte.

Bild: Aaron Leithäuser
Er hat sein Berufsleben nämlich in der Kommunalverwaltung begonnen, bei der Stadt Overath im Rheinisch-Bergischen Kreis. Ein Karriereweg wie an der Schnur gezogen: „Man hat in der Verwaltung so eine Art Karriereweg, bis dahin kannst du kommen, und wenn du 60 bist, bist du da. Das war mir ein bisschen zu langweilig", sagt Müller. 1992 wechselte er in die freie Wirtschaft und verkaufte IT-Systeme an ostdeutsche Kommunen, die gerade ihre Selbstverwaltung aufbauten. Kaltakquise an der Rathaustür, mit einer Folienkladde unterm Arm. Wilder Westen, also Osten, sagt er selbst. Danach die Bundesdruckerei, wo er den Vertrauensdiensteanbieter D-Trust mit aufbaute, dann Oracle, dann zehn Jahre beim Cybersicherheits-Platzhirsch Secunet. Seit April vergangenen Jahres ist er bei Enclaive. Für ihn schließt sich damit ein Kreis: Krypto in der Cloud sei nun einmal Confidential Computing, Punkt.
Müller zieht die Parallele zur sogenannten PKI, der zertifikatsbasierten Verschlüsselung, die seit den Achtzigerjahren im Hintergrund läuft. Damals war sie noch eine schwer verständliche Blackbox. Heute steckt sie in jedem Serverzertifikat, in jeder elektronischen Signatur, in der Gesundheitskarte. Keiner sieht sie, jeder nutzt sie. Genau diesen Weg, glaubt, oder hofft, Müller, geht Confidential Computing gerade auch.
Was Enclaive verkauft
Das Kernprinzip lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Hold Your Own Key, das ist eigentlich der wichtige Unterschied. Die Schlüssel verbleiben immer beim Kunden", so Müller. Die großen Cloud-Anbieter erlauben Kunden zwar inzwischen, eigenes Schlüsselmaterial mitzubringen. Der Haken: Der Schlüssel liegt am Ende trotzdem beim Betreiber. Enclaive will, dass der Schlüssel den Kunden nie verlässt, oder allenfalls bei einer vertrauenswürdigen Instanz liegt, etwa einem Trust Center wie D-Trust. Damit kann selbst der Administrator die Daten nicht sehen, auch nicht aus Versehen. Betreiberausschluss heißt das im Fachjargon, und es ist genau die Anforderung, die im Gesundheitswesen für die elektronische Patientenakte gilt.
Über eine Multi-Cloud-Plattform bucht man Rechenleistung bei einem beliebigen Anbieter, alle großen Hyperscaler sind angeschlossen, und Confidential Computing wird automatisch mitgeliefert. Der Kunde bekommt eine abgeschottete, vertrauenswürdige Ausführungsumgebung, eine Enklave. Daher der Name.
Wichtig ist Müller ein Punkt, den man leicht überliest: Confidential Computing ist kein Produkt, das man einzeln kauft. Man kauft Cloud-Dienste, und die Verschlüsselung steckt idealerweise unsichtbar mit drin. So taucht Enclaive über das Codesphere-Projekt in der Deutschlandplattform auf. Und nach eigenen Angaben auch in der geplanten KI-Cloud des Bundes, für die ein Konsortium um SVA und Codesphere einen der beiden Rahmenverträge gewonnen hat. Dort taucht der Name Enclaive nirgends auf, die Technologie steckt aber als Baustein mit drin, sagt Müller.
Der Testfall: Brandenburg
Am konkretesten wird die Geschichte rund um Enclaive bei der Registermodernisierung, jenem Programm, das die verstreuten Datenbestände der Verwaltung(en) zusammenführen soll. Enclaive hat dazu an einem Piloten mitgewirkt, in einem Konsortium mit dem Berliner Start-up Polyteia und dem Registerspezialisten Naviga, begleitet von der Digitalagentur Brandenburg und dem Amt Scharmützelsee als Pilotkommune. Ausgeschrieben wurde der Wettbewerb „Register-as-a-Service“ von Govtech-Deutschland. In Auftrag gegeben hatte ihn die Fitko. Die Gewerberegisterdaten wurden in einen verschlüsselten Datenraum überführt und liefen laut Müller ausgerechnet auf einer AWS-Umgebung, also bei einem amerikanischen Hyperscaler. Genau darum geht es ja: Die Daten liegen auf fremder Infrastruktur, der Betreiber kommt nicht heran. Und weil die Kommune ihren Schlüssel behält, bleibt sie Herrin ihrer Daten. Das ist auch kommunale Selbstverwaltung.
Allerdings sagt auch Müller: Nicht jede Kommune wird ihr eigenes Schlüsselmanagement betreiben können, weil schlicht die Leute dafür fehlen. Seine Hoffnung: Kommunale Rechenzentren oder Vertrauensinstanzen wie die Bundesdruckerei übernehmen das, je nach Kapazität, ein Mischmodell. Das klingt vernünftig, verschiebt die eigentliche Arbeit aber nur an eine andere Stelle im ohnehin überlasteten kommunalen Apparat.
In Deutschland gibt es nicht viele Anbieter für Confidential Computing: Enclaive und Edgeless Systems. International sind es ein paar mehr, ein großes Feld ist es nicht. Müller nennt es deutsche Schlüsseltechnologie und meint das ohne falsche Bescheidenheit: Deutsche Kryptografie sei historisch immer vorne dabei gewesen. Das Verhältnis zum Wettbewerber beschreibt er als Coopetition. Zwei Konkurrenten, im Geiste vereint, weil sie einen gemeinsamen Markt erst noch sichtbar machen müssen. Bei 45 Jahren Berufserfahrung, sagt er, gehe es sowieso nur miteinander.
Was ich davon halte
Mein größeres Ziel in diesem Newsletter ist die Frage, wie wir einen Staat hinbekommen, der von unten bis oben funktioniert. Enclaive führt dabei mitten in die Souveränitätsdebatte, und Müller nimmt eine erfrischend unideologische Haltung ein. Die verbreitete Entweder-oder-Logik, entweder Hyperscaler oder deutsche Cloud, hält er für falsch. Ohne die großen internationalen Anbieter wird Digitalisierung in Deutschland nicht funktionieren, dafür sind die nötigen Investitionen zu gewaltig. Confidential Computing ist in dieser Logik die Brückentechnologie, die es erlaubt, selbst amerikanische Infrastruktur zu nutzen, ohne die Kontrolle über die Daten abzugeben. Ein deutsches Cloud-Produkt plus Enclaive ist am Ende vermutlich sicherer als eine rein amerikanische Lösung.
Zwei Sätze von ihm sind mir hängengeblieben. Der erste, selbstkritisch mit Blick auf die eigene Branche: „Wir haben dieses Thema Souveränität zu einem beliebigen Begriff degradiert. Wir haben uns über Lobbyismus und Marketingaussagen von Hyperscalern vorschreiben lassen, wie wir Souveränität zu verstehen haben in Deutschland", sagt Müller. Der zweite betrifft die Politik. Müller wünscht sich, dass Confidential Computing fest im geplanten Deutschland-Stack verankert wird, in der aktuellen Architektur fehlt es weitgehend. Und er plädiert für eine gezieltere Vergabe, damit nationale Schlüsseltechnologie nicht abfließt, sobald das erste Übernahmeangebot kommt. Die naheliegende Falle benennt er gleich selbst: Man wolle sich auch von deutscher Technologie nicht abhängig machen, dieser Trade-off müsse gut moderiert werden. Ein Bekannter aus der Cloud-Branche hat mir das neulich zugespitzt: Der Kill-Switch, den viele bei US-Anbietern fürchten, ist ein hypothetisches Risiko. Dass deutsche Technologie nicht aus dem Quark kommt und im Zweifel verkauft wird, ist ein sehr reales Standortrisiko. Zwischen beiden muss man abwägen, statt nur das eine zu beschwören.
Und noch ein Punkt gehört in diese Debatte: die Beschaffung. Wenn die Verwaltung schneller digitalisieren will, muss sie Innovation nicht nur wollen, sondern auch einkaufen. Mehr als 100 Milliarden Euro vergibt die öffentliche Hand in Deutschland jedes Jahr. Aber nur ein Bruchteil davon landet bei Start-ups, also genau bei den Firmen, die souveräne digitale Lösungen am ehesten vorantreiben. Der Löwenanteil fließt in Rahmenverträge mit den etablierten „Premium“-Herstellern. Die Gründe sind bekannt. Überkomplexe Vergabeverfahren, der Rückzug auf die nächste Rahmenvertragsverlängerung, fehlende Referenzen der Jungen und zu wenig Mut der Auftraggeber, auch mal den vermeintlich schwierigeren Weg zu gehen. Anders formuliert: Wenn alle Microsoft-Produkte einkaufen, fällt es nicht groß auf, wenn jemand anderes auch welche kauft. Auch wenn es eigentlich ein Fehler ist und alle das wissen. Dabei scheitern große IT-Verfahren bekanntlich auch mit renommierten Unternehmen an Bord, die vermeintliche Sicherheit ist also keine. Ein erster Schritt aber ist immerhin gemacht: abweichende Verwaltungsvorschriften, die Start-ups die öffentliche Beschaffung erleichtern sollen.
Bei Enclaive fand ich spannend, dass es die Grundthese dieses Newsletters berührt. Die Kommune ist das Interface des Staates zu seinen Bürgern, und dieses Interface ist vielerorts kaputt. Die Registermodernisierung findet zu einem großen Teil dort statt, weil dort, genau, die Register liegen. Wenn eine Technologie es schafft, dass Kommunen ihre sensibelsten Daten modernisieren können, ohne die Hoheit darüber zu verlieren, dann ist das mehr als ein Nischenprodukt für Sicherheitsnerds. Die offene Frage bleibt, ob unser System solche Technologien wirklich einsetzt oder ob sie unterm Radar bleiben, während die großen Plattformen die Schlagzeilen machen.
Weiterführende Links:
Ein früherer Text zu Confidential Computing beim Tagesspiegel Background, als technische Einordnung.
Enclaive, die Firma selbst, mit ihrer Multi-Cloud-Plattform.
Edgeless Systems, der andere deutsche Anbieter, den ich in einer früheren Ausgabe porträtiert habe.
Der C3-Leitfaden des BSI, in dem Confidential Computing erstmals auftaucht. [Link bitte einsetzen, BSI Kriterienkatalog C5 bzw. C3]
Die Cyberagentur in Halle, wo Enclaive im Forschungsprojekt EC2 an postquantensicheren Verfahren und Multi-Party Computation arbeitet.
Zur Registermodernisierung, dem großen Programm im Hintergrund, ein Überblick der FITKO.
Kennt ihr Fälle, in denen eine Verwaltung ihre Daten in die Cloud verlagert hat, und habt ihr euch dabei gefragt, wer eigentlich mitlesen kann? Und glaubt ihr, dass so eine unsichtbare Schlüsseltechnologie es aus der Nische schafft? Schreibt mir.
Schönes Wochenende!
– Anzeige –
Und damit zum Sponsor der heutigen Ausgabe:
Ich freue mich wirklich sehr darüber, dass die Chance-Jugend-Stiftung sich entschieden hat, in diesem Newsletter Werbung zu machen. Ich begleite die Arbeit der Stiftung seit vielen Jahren intensiv und habe nicht nur ihre Projekte in Bamberg, Burgstädt bei Chemnitz und Berlin selbst besucht, sondern auch die in Kapstadt, Knysna und Plettenberg Bay in Südafrika.
Was mich dabei jedes Mal aufs Neue beeindruckt: Hier wird nicht einfach über Hilfe geredet, hier wird geholfen. Alles fängt etwa mit einer warmen Mahlzeit im House of Hope and Glory an oder mit Fußballtraining in Knysna. So sollen die Jugendlichen neugierig gemacht werden. Dann gibt es Ausbildungsprogramme wie im Franschoek Hospitality Academy and Learning Centre oder bei Don Bosco in Burgstädt in Sachsen. Überall habe ich Menschen getroffen, die den jungen Leuten, die es wollen, eine Perspektive geben.
Deshalb kann ich guten Gewissens sagen: Wer die Chance-Jugend-Stiftung unterstützt, kann sicher sein, dass jeder Euro dort ankommt, wo er gebraucht wird. Schaut euch die Arbeit der Stiftung an. Und lasst ein paar Euro da. Sie kommen an!

