Es klingt nach einer einfachen Frage: Was wünschen sich die Menschen in deiner Gemeinde? Einen Trinkbrunnen am Marktplatz, einen Zebrastreifen vor der Grundschule, weniger Lärm an der Hauptstraße. Das Problem ist nicht, dass die Leute keine Meinung haben. Das Problem ist, dass es in den meisten Kommunen keinen funktionierenden Kanal gibt, über den diese Meinungen ankommen.

Und damit hallo zusammen bei einer neuen Ausgabe von PAPIERSTAU, dem Newsletter über die, die dabei helfen, die Verwaltung zu digitalisieren. Heute mit Liquid Democracy. Es geht nicht um ganz, ganz klassische Verwaltung, sondern um Beteiligung. Aber auch das gehört dazu.

Bürgerbeteiligung klingt immer gut. In der Praxis scheitert sie aber oft an den simpelsten Dingen: Die Gemeinderatssitzung ist um 17 Uhr, da arbeiten die meisten noch. Die Alleinerziehende kann nicht zum Dialogformat am Freitagabend. Der Rentner hat keine Lust auf ein Online-Formular. Und die Verwaltung hat weder Personal noch Budget, um einen aufwendigen Beteiligungsprozess aufzusetzen. Was also tun?

Da setzt Liquid Democracy an. Der gemeinnützige Verein aus Berlin entwickelt seit 2009 eine Open-Source-Beteiligungsplattform, die Kommunen kostenlos nutzen können. Über 100 Städte und Gemeinden tun das bereits, von Rostock und Greifswald über Aschaffenburg und Lindau bis hin zu den ostfriesischen Inseln Juist und Wangerooge. Und mit meinberlin.de betreibt Liquid Democracy die zentrale Beteiligungsplattform der Stadt Berlin.

Was die Software kann

Adhocracy+ heißt die Plattform, und sie macht im Kern etwas, das analog kaum skalierbar wäre: Sie gibt Bürgerinnen und Bürgern einen digitalen Raum, um ihre Ideen, Wünsche und Kritik ortsbezogen und zeitunabhängig einzubringen.

Eines der beliebtesten Module ist Brainstorming mit Karte. Man sieht eine Karte seiner Gemeinde und kann genau dort eine Idee eintragen, wo sie hingehört. Hier fehlt ein Zebrastreifen. Dort braucht es mehr Grün. Was analog mit Post-its in der Gemeinderatssitzung bei zehn Ideen funktioniert, klappt bei hundert nicht mehr. Und es funktioniert nur für die, die an dem Abend im Raum sitzen.

Daneben bietet die Software Umfragen, Priorisierungen, Ideenwettbewerbe und Bürgerinnenhaushalte. Alles modular, alles als Webplattform, kein eigener Server nötig.

Zukunftshaushalt in Werder an der Havel

In Werder an der Havel gibt es seit 2020 den Zukunftshaushalt, inzwischen im dritten Durchgang. Alle dürfen Ideen einreichen, aber Kinder und Jugendliche entscheiden über die Umsetzung. Budget: rund 100.000 Euro. Ergebnis: eine Graffiti-Wand, Basketballplätze, Trinkbrunnen. Nichts Revolutionäres, aber Dinge, über die nicht Erwachsene in Gremien entschieden haben, sondern die Leute, die sie nutzen, also die Kinder selbst.

Beim Berliner Lärmaktionsplan kamen über 2000 Beiträge zusammen. Das ist Beteiligung, die eine Verwaltung allein nicht hinbekommt, schon gar nicht mit einer Pinnwand im Rathaus. „Viele Kommunen und Städte haben Angst, dass ihre Beteiligungsprojekte scheitern. Eine häufige Sorge: Was ist, wenn so viele Beiträge kommen, dass wir das nicht gut moderiert bekommen? Hier können wir unterstützen, beispielsweise durch Moderationsschulungen und auch durch die Moderationsfunktionen in unserer Software“, fragt Maria Lederer.

Liquid Democracy ist als eingetragener Verein organisiert, mit ehrenamtlichem Vorstand und internen Entscheidungen, die über die eigene Partizipationssoftware laufen. Maria Lederer, seit zwei Jahren im Vorstand, sagt: „Wir glauben daran, dass vieles gemeinnützig und aus der Zivilgesellschaft herauskommen sollte, gerade auch im Tech-Bereich.“

Ob das in der Verwaltungsmodernisierung ein Alleinstellungsmerkmal ist, sei dahingestellt. Spannend finde ich es allemal. Die meisten Beteiligungssoftware-Anbieter sind For-Profit. Liquid Democracy will mit adhocracy+ bewusst kleine Gemeinden erreichen: 10.000 Einwohner, keine IT-Beauftragten, kein Beteiligungsbudget. Die Software ist kostenlos. Lederer nennt Adhocracy+ ein „Passionsprojekt“.

Woher das Geld kommt

Rund 20 Leute arbeiten bei Liquid Democracy, der Verein finanziert sich über zwei Standbeine. Das eine sind Dinge, wie meinberlin.de, wo Liquid Democracy als technischer Dienstleister der Senatsverwaltung arbeitet. Ein klassisches Auftragsgeschäft. Das andere sind Förder- und Forschungsprojekte: EU-Töpfe, Bundesprogramme wie „Demokratie leben!“, Stiftungsgelder.

Das Problem dabei ist bekannt: Förderungen sind terminiert. Man baut einen tollen Prototyp, und dann fehlt die Anschlussfinanzierung. Lederer sagt ehrlich, dass die Frage, wie man Adhocracy+ förderunabhängig aufstellen kann, ein „dickes Brett“ sei, auf das sie heute noch keine Antwort habe.

Deliberation statt Polarisierung

Liquid Democracy ist mehr als ein Softwareanbieter. Lederer spricht vom Deliberationsansatz: der Idee, dass man durch gemeinsames Diskutieren zu besseren Lösungen kommt. Auf Social Media dominieren extreme Stimmen. Auf einer kommunalen Beteiligungsplattform, wo es um konkrete Fragen geht, erleben sie das Gegenteil: konstruktiven Dialog.

Dazu gehört auch Begleitung. Liquid Democracy bietet Workshops und Lernmaterialien an und empfiehlt ein Beteiligungsversprechen: Die Verwaltung sagt vorab, was mit den Ergebnissen passiert. „Das Schlechteste, was in der Beteiligung passieren kann, ist, dass man als Bürgerin seine Ideen einbringt und sich dem niemand richtig annimmt“, so Lederer. Nichts sei frustrierender.

Was ich davon halte

Liquid Democracy füllt, finde ich, eine Lücke. Über 100 Kommunen nutzen eine kostenlose Plattform, die die Einstiegshürde für digitale Beteiligung auf ein Minimum senkt. Das ist der beste Beweis dafür, dass der Bedarf da ist.

Das Geschäftsmodell ist allerdings fragil. Ein Passion-Projekt, das von Fördergeldern und einem einzigen großen Auftragsgeschäft lebt, ist verwundbar. Lederer sagt das offen, statt es schönzureden. Aber die Frage bleibt: Was passiert, wenn die Fördertöpfe kleiner werden?

Und dann ist da das strukturelle Problem: Beteiligung ist in Deutschland keine Pflichtaufgabe. Wenn der Kämmerer spart, fällt sie als Erstes weg. Das begrenzt die Reichweite jedes Beteiligungstools.

Was bleibt, ist ein Verein, der zeigt, dass digitale Beteiligung keine Raketenwissenschaft sein muss. Und dass die Demokratie sich dort beweist, wo die Leute leben: in der Kommune. „Wir merken immer wieder, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Aber sie ist trotzdem das beste System, das wir haben", sagt Lederer.

Bleiben wir in den Kommunen: Ein Bürgermeister, der weitermacht, auch wenn sich der Staat zurückzieht.

Ich habe mit Luca Piwodda gesprochen, mit 26 Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister von Gartz an der Oder. Rund 2.500 Einwohner hat seine Gemeinde.

Seine These: Der größte Hebel zur Modernisierung des Staates liegt ganz
unten, bei den Kommunen. „Uns vertrauen die Menschen noch", sagt er. Während
Bundes- und Landesregierungen um Zustimmung ringen, liegen die Werte für
Bürgermeister und Gemeinderäte bei rund 80 Prozent. Vertrauen entstehe durch
Konkretes: die sanierte Straße, die geleerte Mülltonne. Die Kommune ist der
erste Berührungspunkt mit dem Staat, hier entscheidet sich, wie die Leute
über ihn denken.

Piwodda hat in Gartz eine zwanzigjährige Abwärtsspirale durchbrochen, erst
über die Kultur, dann über die Politik. Tourismus an der Oder, eine
deutsch-polnische Arbeitsgemeinschaft, im Sommer erstmals ein Schiff von
Stettin nach Gartz.

Er erzählt aber auch von der Bremse. Für eine kleine Fußgängerzone am Fluss musste er einen dreizehnseitigen Bericht schreiben. Es reichte nicht, ein Gutachten
für 8000 Euro musste her, das am Ende genau dasselbe sagte, nur mit
Stempel. „Dann noch ein Wegeeinziehungsverfahren mit öffentlicher Auslegung und Widerspruchsfrist. Dabei war die Stadtverordnetenversammlung einstimmig dafür, und wir haben mit allen Anwohnern gesprochen. Da denkt man manchmal frustriert, warum macht man das alles?", sagt er.

Bei der Digitalisierung steht Gartz noch am Anfang: Ein ganzes Jahr dauerte es,
bis es ein Ratsinformationsportal gab, in dem Bürger die Beschlüsse
nachlesen können. Für die Gemeinde war das hingegen ein echter Meilenstein.

Warum er trotzdem weitermacht? Weil es sonst keiner macht. Das ganze Wortlautinterview lest ihr hier.

Ein spannendes Praxisbeispiel ist das Stadtentwicklungskonzept der Stadt Hof, das über adhocracy+ gelaufen ist. Die Verwaltung hat die Ergebnisse öffentlich aufbereitet und transparent dargestellt, wie sie mit den Beiträgen der Bürgerinnen und Bürger umgegangen ist.

Das ERLE-Projekt der TU Dresden hat eine Umfrage zur digitalen Bürgerbeteiligung durchgeführt: 32 Prozent der befragten Kommunen setzen bereits digitale Beteiligung um, 14 Prozent planen es. Gute Hausnummern für alle, die Argumente brauchen.

Und wer sich für weitere Akteure im Bereich digitale Demokratie interessiert: Hallo Bundestag macht aufsuchende Beteiligung, Make.org organisiert großangelegte Bürgerdialoge, und die Initiative Offene Gesellschaft hat Lernprogramme für Kommunen entwickelt.

Forschende der TU Dresden mit Düsseldorf, Koblenz und Leipzig haben erstmals alle über 10.000 Kommunen erfasst, Daten von März bis Oktober 2025, vorgestellt am 11. Februar 2026 in Berlin, finanziert von der Mercator-Stiftung. Kernbefund: Große Städte wollen unterrepräsentierte Gruppen erreichen, kleine wollen überhaupt mehr Leute einbinden.

Der Fachverband Bürgerbeteiligung hat im Oktober 2025 gefordert, dialogische
Beteiligung zur kommunalen Pflichtaufgabe zu machen.

Ein bpb-Essay, der fragt, ob Beteiligung oft nur Symbolpolitik ist, weil Bürger weder die Agenda setzen noch über die Umsetzung entscheiden.

Ihr kennt eine Kommune, die Beteiligung richtig gut macht? Oder eine, die es versucht hat und gescheitert ist? Schreibt mir. Beides interessiert mich.

Schönes Wochenende! Bastian

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