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In deutschen Kommunen gibt es über 30.000 Fachverfahren. Hinter jedem liegt eine Datenschale. Manchmal eine professionell gemanagte Datenbank, manchmal eine Excel-Datei, in die jemand händisch Zahlen reinhackt. Das Problem ist also oft nicht, dass es keine Daten gibt. Das Problem ist, dass niemand sie findet.
Und damit herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Papierstau, dem Newsletter über die, die dabei mithelfen, die Verwaltung zu digitalisieren. Heute erneut das Thema Daten, dieses Mal mit Alanus von Radecki von DKSR.
Stellt euch folgendes Szenario vor: Ihr sitzt in eurer Kommune an der Wärmeplanung. Dafür braucht ihr Daten vom Klimaschutzbeauftragten, von den Stadtwerken, vom Amt für Umwelt, vom Gebäudemanagement. Jedes dieser Ämter hat seine eigenen Systeme, seine eigenen Tabellen, seine eigenen Zuständigkeiten. Im schlimmsten Fall bekommt ihr die Daten per E-Mail als Excel-Anhang, drei Wochen nachdem ihr angefragt habt.
Genau dieses Problem wollte Alanus von Radecki lösen, als er vor fünf Jahren DKSR gegründet hat. Das Datenkompetenzzentrum für Städte und Regionen, eine Ausgründung aus der Fraunhofer-Welt, baut digitale Dateninfrastruktur für Kommunen. Oder einfacher gesagt: Sie sorgen dafür, dass Ämter, die nebeneinander sitzen, auch miteinander Daten teilen können.
Vom Fraunhofer-Labor in die Kommune
Von Radecki beschäftigt sich seit 2011 mit Smart-City-Lösungen. Erst am Fraunhofer IAO, wo er die Morgenstadt-Initiative leitete, ein Innovationskonsortium aus Städten, Industrievertretern und 13 Fraunhofer-Instituten. Dann, ab 2021, als Gründer und Geschäftsführer von DKSR.
Was ihn angetrieben hat, ist eine Beobachtung, die er über viele Jahre gemacht hat: „Es gibt ganz viele gute Innovationen und Lösungen und Technologien in Europa und in Deutschland. Aber die kommen selten über das Pilotstadium hinaus." Das liege an Finanzierung, an Administration, an Governance. Aber eben auch daran, dass jede Stadt meint, das Thema Dateninfrastruktur neu erfinden zu müssen.
Seine Grundidee: „Es kann doch nicht sein, dass die Privatwirtschaft über den Plattform-Effekt absahnt und hochskalierende Unternehmen entwickelt und die öffentliche Hand diese Effizienzpotenziale nicht zu heben schafft." DKSR wollte den Plattform-Effekt für die öffentliche Hand nutzbar machen. Eine Infrastruktur, die für möglichst viele Kommunen funktioniert. Skalierbar und nachnutzbar.
Civora: Der Data Hub
Das Ergebnis heißt Civora, ein Open-Source-Data-Hub, der inzwischen bei über 150 Städten, Gemeinden, Landkreisen und Behörden im Einsatz ist. Das Ding macht im Kern etwas sehr Simples: Es bindet Daten aus unterschiedlichen Quellen an, harmonisiert sie und macht sie fachbereichsübergreifend nutzbar.
Zuerst klingt das banal. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie Kommunen heute arbeiten. Die Dezernate sind teilweise mit unterschiedlichen politischen Couleurs besetzt. Man hat mit Vorbehalten zu kämpfen, wer welche Informationen teilt. Von Radecki erzählt das Beispiel Straßenzustandserfassung: „Kommunen haben oft wertvolle Daten – aber es fehlt an klaren Regeln, was geteilt werden darf und was nicht. Das führt dazu, dass Daten aus Vorsicht zurückgehalten werden, obwohl sie öffentlichem Nutzen dienen würden." Also lieber: Daten behalten, nichts teilen.
Was Civora dagegenstellt, ist ein kohärentes Rollen- und Rechtesystem. Die Stadtwerke können dem Klimaschutzbeauftragten Zugriff auf Smart-Meter-Daten geben, weil er ein berechtigtes Interesse hat. Aber das System stellt sicher, dass er diese Daten nicht weitergeben kann. Zugriffskontrolle und Logging inklusive.
Darauf legt DKSR dann Anwendungen: Verkehr und Parken, Hochwassermonitoring, Winterdienst, Energie-Monitoring kommunaler Gebäude, Sicherheitsplanung für Weihnachtsmärkte, Schulbezirksplanung. Alles Themen, die auf unterschiedliche Datenbestände zugreifen müssen und die bisher an den Silogrenzen der Verwaltung scheitern.
Was MPSC verpasst hat
Im Kern ist Civora ein Projekt, wie es modellhaft aus der Smart-City-Förderung des Bundes heraus entstehen sollte. Und von Radecki ist einer der Leute, die am differenziertesten über das Modellprojekte-Smart-Cities-Programm sprechen können. Er war schon bei den europäischen Vorläuferprogrammen dabei, bei Triangulum und Smarter Together unter Horizon 2020. Und er hat eine klare Meinung dazu, was MPSC richtig und was es falsch gemacht hat.
Richtig: gezeigt, was möglich ist, Machbarkeit demonstriert. Falsch: die Governance dahinter vergessen.
„MPSC hat gefördert: Wir nehmen jetzt mal irgendeine Stadt, erstellen eine Datenplattform, hängen da ein paar Sensoren dran und weisen nach, dass wir die Feuchte der Bäume monitoren können. Das sind punktuelle Pilotprojekte, die die Machbarkeit demonstrieren. Aber um das wirklich auszurollen, muss man die dahinterliegende Governance einer Stadt adressieren, mit Rollen, Zuständigkeiten, Behörden, Datenschutzklassen."
Man habe sich auf die Use Cases konzentriert, aber versäumt, das Datenökosystem-Management mit aufzubauen. Sodass die Kommunen heute dastehen und wissen: Wir haben kein System, das wir nach Auslauf der Förderung einfach skalieren können.
Ich finde: Das ist eine der wichtigsten Lektionen aus MPSC. Technisch funktioniert vieles. Aber ohne die Governance dahinter bleibt es eben beim Piloten.
Das Finanzierungsproblem
Und dann ist da noch das Geld. Dateninfrastruktur ist keine hoheitliche Aufgabe. Wenn der Kämmerer den Rotstift ansetzt, kommen zuerst: Schulen, Kitas, Gesundheit, Polizei. Und dann wird gestrichen, was nicht verpflichtend ist.
Das Problem dabei: Es gibt keine digitale Bilanz. Niemand rechnet systematisch gegen, was eine Dateninfrastruktur einspart. Weniger externe Berater für Planungsaufgaben, weniger Transaktionskosten beim Datensuchen, schnellere Prozesse. DKSR hat so einen Business Case mal für Wien aufgestellt. Die Einsparungen sind real. Aber kein Kämmerer sieht sie, weil es kein System gibt, das diese Effekte systematisch erfasst.
Von Radecki sagt, das hätte die Begleitforschung von MPSC leisten müssen: Ein strukturiertes System mit einer Kosten-Nutzen-Bilanz, nach der man sagen kann: Stadt mit X Einwohnern, Y Use Cases, das kostet so viel und spart so viel. Das hat nicht stattgefunden.
Weg von Förderprogrammen
Was ich an von Radecki spannend finde: Er fordert kein MPSC 2.0. Im Gegenteil. „Ein zweites MPSC-Programm wäre nur dann sinnvoll, wenn es statt Machbarkeitsnachweisen auf Skalierung, langfristige Finanzierung und Governance setzt – also auf das, was Kommunen wirklich brauchen.", sagt er. Stattdessen plädiert er dafür, das Thema eine Ebene tiefer zu hängen. Dateninfrastruktur als Daseinsvorsorge, als verpflichtende Aufgabe der Kommune. Mit Programmen auf Landesebene, über die die Kommunen Infrastruktur und Budget abrufen können.
Deswegen schaut DKSR gerade stärker auf die Landesebene, auf Landesministerien und Landesbehörden. Weil dort die Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, dass die Kommunen, die nicht München und Köln und Hamburg heißen, sondern die Iserlohns und Gelsenkirchens, die Unterstützung bekommen, die sie langfristig brauchen.
Das ist ein Satz, den ich mir gemerkt habe. Weil er genau den Punkt trifft, der in der deutschen Smart-City-Debatte oft vergessen wird: Die meisten Kommunen in Deutschland sind klein, klamm und personell am Limit. Ihnen eine Förderung zu geben und dann zu hoffen, dass sie das allein verstetigen, funktioniert nicht.
Was ich sonst noch gelesen habe:
Civora ist in 150 Organisationen im Einsatz.
Diese Studie „Von der innovativen Idee in den Regelbetrieb" untersucht an neun
Fallbeispielen, wie Smart-City-Projekte den Sprung aus der Förderung in den
Alltag schaffen.
Dieser Beitrag fragt, mit welchen Geschäftsmodellen kommunale Digitalprojekte
überleben, wenn die Förderung wegfällt.
Wer sich Civora und die Projekte in Kiel, im Landkreis Hof oder in Augsburg selbst ansehen will, klickt sich hier durch.
Was bleibt von 820 Millionen Euro? Seit 2019 hat der Bund 73 Städte und Gemeinden gefördert, damit sie digitaler werden. Spätestens 2030 endet das Programm mit der Evaluierung, 2028 fließt bereits das letzte Geld. Ich habe mir das für den Tagesspiegel Background angesehen.
Ihr kennt jemanden, der den Papierstau auflöst? Schreibt mir. Egal ob Startup, Fraunhofer-Ausgründung oder 25-Jahre-Veteran aus Niedersachsen.
Schönes Wochenende!


