Ein paar Fragen vorweg: Wisst ihr, was es mit dem Fischereischein in eurer Gemeinde auf sich hat? Oder mit der Flohmarkt-Platzvergabe? Genau, ich auch nicht. Aber das sind eben die Dinge, um die es bei kommunaler Digitalisierung auch geht. Nicht die große EfA-Leistung, nicht der KI-gestützte Bescheidgenerator. Jedenfalls nicht immer. Dafür aber die Anmeldung zum Ferienprogramm. Und dafür gibt es Leute, die seit einem Vierteljahrhundert Software bauen. Und es gibt die, die diese Welt erst vor Kurzem entdeckt haben und alles anders machen wollen.

Und damit herzlich willkommen bei einer neuen Ausgabe von PAPIERSTAU, in der es dieses Mal nicht um ein, sondern gleich um zwei Unternehmen geht.

Ich habe für diese Ausgabe mit Maren Warnecke gesprochen, Geschäftsführerin von NOLIS, einem E-Government-Spezialisten aus Nienburg an der Weser. Und mit Mira Jago, Gründerin von Cuckoo Coding, einer App-Agentur aus Hannover. Die beiden Firmen könnten unterschiedlicher kaum sein. Und genau deshalb arbeiten sie auch zusammen.

Das erste der beiden Gespräche habe ich mit NOLIS geführt. Irgendwann meinte Maren Warneke, dass ich unbedingt auch mit Mira Jago sprechen sollte. Das Gute: Auch sie stand schon längst auf meiner Liste der Leute, die ich für diesen Newsletter sprechen wollte. Und weil ich solche Verbindungen einfach gerne mag, erzähle ich diese kurze Anekdote zu dieser irgendwie besonderen Ausgabe.

Und damit zuerst zum Veteran.

NOLIS gibt es seit über 25 Jahren. Das Unternehmen hat 55 Mitarbeitende, mehr als 450 Kommunen als Kunden, von der Samtgemeinde Steimbke mit unter 10.000 Einwohnern bis zur Landeshauptstadt Hannover.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: NOLIS hat angefangen, Kommunen digital aufzustellen, als viele von uns noch nicht wussten, was ein Serviceportal ist. Und sie sind immer noch da, jetzt, da das Thema richtig Fahrt aufnimmt. Nicht als Startup, das gerade seine Series B feiert, nicht als Beratungskonzern mit Public-Sector-Sparte. Sondern als mittelständisches Unternehmen aus Niedersachsen, das seit über zwei Dekaden Software baut, die in Kommunen längst Alltag ist. Entstanden ist es aus einem Zusammenschluss von Sparkasse und Tageszeitung in Nienburg, mit dem Ziel, die Region digital aufzustellen.

Wer sich in Deutschland mit Verwaltungsdigitalisierung beschäftigt, hört früher oder später den Satz: „Aber jede Kommune ist anders.” Das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. „Es ist jetzt ja wirklich nicht so, dass jede Kommune völlig unterschiedlich arbeitet. Und dann muss man eben auch ehrlich sagen: Dann muss man vielleicht mal seinen Prozess hinterfragen“, sagt Warnecke.

Heißt: Wenn eine Softwarelösung in 50 Kommunen funktioniert, liegt das Problem vielleicht nicht an der Software, sondern am Prozess der 51. Kommune, die sagt: Bei uns geht das nicht.

NOLIS löst das mit konfigurierbarer Standardsoftware. Nehmen wir die Kitaplatzvergabe: In manchen Kommunen entscheidet die Verwaltung allein. In anderen machen es Verwaltung und Kitas gemeinsam. In der dritten Variante entscheiden die Kitas eigenständig, und die Kommune muss trotzdem sicherstellen, dass alle Kinder versorgt sind. Drei unterschiedliche Prozesse, die die Software darstellen muss. Natürlich könnte man auch eine Gemeinde dazu bringen, ihre Prozesse zu hinterfragen. Aber warum, wenn man die Software schnell anpassen kann? „Am Ende ist es für uns nur ein Schalter”, sagt Warnecke. Heißt das, dass sich jede Kommune an die Technologie anzupassen hat? „Nein, auch daran könnte es dann wieder scheitern“, sagt Warnecke.

Dazu kommt eine Tauschbörse für Formulare. Eine Kommune erstellt ein Online-Formular und stellt es allen anderen zur Verfügung. Die können es übernehmen, anpassen, nutzen. Kein aufwendiger Nachnutzungsprozess, keine Abstimmungsrunden, kein Konzeptschreiben zuvor. Das ist deshalb spannend, weil Nachnutzung in der deutschen Verwaltungsdigitalisierung immer noch eines der großen ungelösten Probleme ist. Warnecke: „Ich glaube, Nachnutzung ist oft da schwierig, wo irgendein Berater, der nicht selber mit einer Software arbeiten muss, sich etwas ausdenkt und es den Kommunen vorsetzt.”

Und das gelte auch für das Thema KI. Ja, NOLIS arbeite daran. Aber: „Mir ist wichtig, dass unsere KI-Lösungen, Hand und Fuß haben und nicht nur eine schöne, nette Marketing-Idee sind.” Sie erzählt von Anfragen, die von „wirklich sehr durchdachten Anwendungsszenarien“ bis zu „Wolkenkuckucksheim, fernab jeglicher Realität“ reichen. Man könne nicht einfach irgendwas auf den Markt bringen: „450 Kommunen verlassen sich auf uns.”

Und damit zur Gründerin.

Mira Jago und Cukoo Coding kommen aus einer völlig anderen Welt. Sie hat Philosophie studiert, wollte eigentlich Richtung Journalismus, hat sich dann in einem Coworking Space das Programmieren selbst beigebracht und mit 32 ihren ersten Job als Entwicklerin bekommen. 2017 hat sie Cuckoo Coding gegründet und früh auf Flutter gesetzt, ein damals neues Framework, mit dem sich Apps für Android und iOS in einem Rutsch bauen lassen. Cuckoo war die erste reine Flutter-Agentur Norddeutschlands, sagt Jago. Schnell seien Aufträge von Continental und Fresenius gekommen.

Irgendwann wollte Jago etwas Eigenes bauen, und zwar bewusst nichts, das Leute nur dazu bringt, noch mehr unnötig Zeit auf dem Handy zu verschwenden. „Ich wollte irgendwas machen, wo Digitalisierung sinnvoll ist”, sagt sie. Sie hat sich zwei Felder ausgesucht, Medizin und Verwaltung. Verwaltung deshalb, weil dort das Vertrauen in den Staat entschieden wird: „Schon kleine Sachen funktionieren nicht, wie sich online ummelden.” Genau daraus wachse ein Zynismus, der dem ganzen Land schade.

Sie hatte einen klaren Gegner im Kopf: die großen IT-Dienstleister. Und an dieser Stelle wird Jago deutlich. Diese Konzerne, sagt sie, „interessieren sich null dafür, was der User braucht. Die denken nur, wie können sie es dem Staat verkaufen?” Und sie reichten die eigentliche Arbeit als Unterauftrag an kleine Agenturen weiter: „Wir kriegen dann 30 Prozent von dem, was sie dafür verdienen, und die machen fast nichts.” Das ist genau das Muster, das man bei großen Verwaltungs-IT-Projekten immer wieder sieht. Und es ist die Folie, vor der die NOLIS-Geschichte steht.

Zusammen ist man weniger allein.

Jago hat eine modulare White-Label-App für Kommunen gebaut, mit echten UX-Tests, sogar mit einer Forschungszulage. 2024 ist sie in Schiffdorf in Niedersachsen live gegangen. Nur: Verkaufen ließ sich die App kaum. Die Bürgermeister schickten sie zur Digitalbeauftragten, und die durfte dann nur einen einzelnen Mängelmelder kaufen, nicht eine App für die ganze Stadt. Eine richtig gute App allein an den Markt zu bringen, das ist im Kommunengeschäft schwer.

Dann kam NOLIS. Und plötzlich passte zusammen, was vorher jeder für sich versucht hatte. NOLIS bringt das mit, was ein Startup nicht über Nacht aufbaut: ein Backend und ein CMS, das bei über 400 Kommunen läuft, den Zugriff auf die Fachverfahren, den Vertrieb, die bestehenden Beziehungen und vor allem das Vertrauen. „Die Kunden wissen, dass es die in drei Jahren noch gibt, gerade im Verwaltungsmarkt“, sagt Jago. Cuckoo bringt das mit, was für ein Unternehmen wie NOLIS wertvoll ist: die mobile Expertise und die Geschwindigkeit. „Mobile App-Entwicklung ist noch mal etwas anderes als Webentwicklung", sagt Jago – Gerätvielfalt, Store-Prozesse, plattformspezifisches Verhalten: Das sei ein eigenes Handwerk.

Und Cuckoo Coding ist kein Einzelfall. NOLIS arbeitet mit mehreren ausgewählten Startups zusammen, unter anderem mit Summ AI, die Behördentexte in Leichte Sprache übersetzen. Auf dem NOLIS-Infotag in Hannover standen die Partnerfirmen mit eigenen Ständen. Das ist im Grunde ein kleines Govtech-Ökosystem rund um einen etablierten Mittelständler. Beständigkeit plus Innovation, ohne dass eine Seite die andere ausnutzt. Wenn ihr so wollt: das genaue Gegenteil des Unterauftrags-Modells, über das sich Jago zu Recht aufregt.

Was eine Stadt-App ausmacht.

Eines sollte man sich von Mira Jago abschauen, völlig egal, wer am Ende die App baut. Viele dieser Apps scheitern. Rund 80 Prozent verschwinden laut Jago innerhalb eines halben Jahres wieder aus dem Store, weil sie niemand benutzt. Der Grund ist fast immer derselbe. Die ersten 80 Prozent einer App seien schnell gebaut, sagt sie, die letzten 20 Prozent dauerten am längsten, und genau da gingen den meisten das Geld oder die Geduld aus. Ein Login-Bug bei zehn Prozent der Nutzer, und die App ist verbrannt.

Vor allem aber braucht eine App einen Grund, regelmäßig geöffnet zu werden. Jagos Trick in Schiffdorf war banal und schlau zugleich: das Wetter. Wer morgens ohnehin aufs Handy schaut, um zu wissen, ob er einen Regenschirm braucht, sieht in derselben App gleich, dass die Brücke gesperrt ist. Was sie dagegen nicht mehr machen würde, ist ein offenes Forum, das niemand pflegt. Dann kippt es schnell in Hetze und Spam, und dann kippt die ganze App.

Am meisten hängen geblieben ist bei mir Jagos Bild von der App als Integrationswerkzeug. „Stell dir vor, du kommst neu in eine Stadt, aus einem anderen Land, sprichst kein Deutsch, bekommst einen QR-Code, lädst dir eine App runter, und sie ist in deiner Sprache. Dein nächstes Bürgeramt ist 100 Meter rechts und hat morgen auf, da kannst du dich ummelden.” Genau hier wird aus einer netten Stadt-App der erste Touchpoint zwischen Mensch und Staat. Und bei keiner anderen App sind die Nutzer so unterschiedlich wie bei einer Städte-App. Man will wirklich alle erreichen.

Hybrid schlägt digital-only.

Zum Schluss habe ich Maren Warnecke gefragt, wie die perfekte Verwaltung aussähe. Ihre Antwort hat mich überrascht: „Sie muss digital sein. Aber gleichzeitig dürfen wir uns nicht darauf zurückziehen, das nur über diesen Weg zu machen. Damit hängen wir auch manche Leute ab.”

Das sagt jemand, der seinen Lebensunterhalt mit digitaler Software verdient. Und trotzdem plädiert sie für eine hybride Verwaltung, in der es immer noch die Möglichkeit gibt, mit einem Menschen zu sprechen, ins Bürgerservicebüro zu gehen. Ich finde, das ist die Haltung, die in der Debatte oft fehlt: Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Es geht darum, allen das Leben leichter zu machen. Auch denen, die kein Smartphone haben.

Und eine zweite Sache nehme ich aus beiden Gesprächen mit. Mira Jago ist mit der Erwartung in den Verwaltungsmarkt gegangen, dort säßen nur unfähige Leute. Heute sagt sie etwas anderes: In jedem Rathaus habe sie mindestens eine Person gefunden, die jung war, techbegeistert und voll Lust hatte, etwas zu ändern. Das deckt sich mit meiner Erfahrung! Das System mache es diesen Menschen nur schwer, ihre Motivation zu behalten. Das ist trotzdem eine hoffnungsvolle Erkenntnis, die ich seit Längerem aus zwei Gesprächen mitgenommen habe. Denn die Motivierten könnten sich ja auch durchsetzen.

  • Das Thema City-Apps verfolgt mich schon seit einiger Zeit. Ich habe mir für den Tagesspiegel Background angesehen, warum das so kompliziert ist.

  • Dann ist da ja noch das Thema Deutschland-App – puh: Es ist ein großes Thema!

  • Die Financial Times hat einen Blick auf ein deutsches Bundesland geworfen, das sich von Microsoft lösen will. Lesenswert, weil die Alternativen oft kleinere Unternehmen sein könnten.

  • Was passiert eigentlich, wenn die Förderung geht? Auch das habe ich mir bereits angesehen und ich verlinke das hier, weil Mira Jago es erwähnt hat.

  • Ich bin nicht der Einzige, der sagt, dass Apps kompliziert sind.

  • Hier ein paar Ideen, wie Verstetigung gelingen kann.

Schön, dass ihr hier seid! Schönes Wochenende.

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