Diese Ausgabe wird von einem besonderen Sponsor ermöglicht: von der Chance-Jugend-Stiftung, die immer versucht, mit engagierten Menschen in Kontakt zu kommen. Also genau mit euch. Mehr dazu am Ende des Newsletters.

Die heutige Ausgabe führt mal wieder ins Saarland. Dort sitzt einer, der mit Souveränität sein Geld verdient und das Wort trotzdem für ziemlich überschätzt hält. Fabian Peter verkauft souveräne Cloud-Lösungen, also genau das, was gerade alle wollen. Und gleichzeitig sagt er Sätze wie: Wir kochen alle nur mit Wasser.

In der letzten Ausgabe habe ich die Souveränität von ihrer schönen, technologischen Seite gezeigt: Confidential Computing. Heute folgt nun der Einspruch. Und zwar von jemandem, der die Technik jeden Tag mit den Händen anfasst. Peter ist Gründer und Chef von Ayedo Ayedo Cloud Solutions. Aufmerksam geworden bin ich über LinkedIn, wo ich ihm und seiner Frau Katrin folge. Die beiden schreiben dort witzig und auch recht meinungsstark über (Verwaltungs-)Digitalisierung. Klar also, dass ich mit ihnen sprechen musste.

Foto: Aaron Leithäuser

Und damit: Willkommen zur 17. Ausgabe von PAPIERSTAU, dem Newsletter über die Unternehmen, die die Verwaltung digitalisieren. Peters Blick kommt aus dem Maschinenraum. Meine Sicht auf die Souveränitätsdebatte hat er ordentlich durchgeschüttelt. Apropos Maschinenraum: Auch meine Maschine muss laufen, daher freue ich mich, wenn ihr PAPIERSTAU unterstützt.👇

Was ich an diesem Newsletter so mag, ist die Vielfalt der Unternehmer und Unternehmerinnen, mit denen ich sprechen darf. Deeptech und Hightech, alles dabei. Und dann sind zwischendrin auch wieder die Unternehmen dabei, die natürlich mit all der Technologie zu tun haben, sich aber nach außen nicht so sehr als Tech-Unternehmen verkaufen, sondern als bodenständiger Dienstleister, fast wie ein Handwerksbetrieb. Einer, der kommt und dir die Heizung einbaut und am Laufen hält und repariert, wenn etwas nicht klappt. Ich hoffe, dass ich Ayedo damit nicht zu nahe trete, aber ich bin davon überzeugt, dass wir genau diese Firmen brauchen. Und damit zurück zu Peter und Ayedo.

Peter nämlich ist gelernter Fachinformatiker. Die Uni hat er nach zwei Jahren geschmissen, zu theoretisch, sei das dort. Danach acht Jahre in Firmen, die komplett auf Linux und Open Source setzten, im Saarland damals eine echte Seltenheit. „Ich kenne eigentlich nur Linux und freie Software und Beitrag leisten und selbst machen, lernen, verstehen und Tiefe haben“, sagt er. Wenn man das weiß, versteht man fast alles, was er über die Branche sagt.

Ayedo ist klein, bis zu fünfzehn Leute, voll remote und asynchron und nach dem Valve Employee Handbook (Link findet ihr unten) organisiert. Für Meetings hat sich das Team ein eigenes Tool gebaut, weil die amerikanischen Werkzeuge weder das Team noch den Auditor überzeugten. Die Kunden sind trotzdem alles andere als klein. Banken, Pharmaunternehmen, Energieversorger, Hilfsorganisationen, die Rettungseinsätze koordinieren, dazu Behördenportale. Ayedo betreibt für sie sogenannte cloud-native Fachanwendungen. Die Firma Ayedo sorgt dafür, dass eingekaufte Software läuft, erreichbar bleibt und Angriffe übersteht. Unter der Haube steckt Kubernetes. Aber der Motor ist nicht das, was Ayedo eigentlich verkauft. Dazu gleich mehr.

Souveränität heißt, handlungsfähig zu sein

Fragt man Peter, was Souveränität ist, redet er nicht über die Herkunft der Technik. Souverän ist für ihn, wer handlungsfähig bleibt. Wer sich also keine Abhängigkeit einhandelt, die ihn lahmlegt, sobald sie wegfällt. „Wir sind einfach nicht gut handlungsfähig. Also sollten wir handlungsfähig werden. Das ist meine Form von Souveränität“, sagt Peter. Nach dieser Logik darf man sogar Microsoft benutzen. Man muss nur das Risiko kennen und einen Plan B in der Schublade haben. „Was spricht dagegen, wenn man sich des Risikos bewusst ist und weiß: Wenn Microsoft morgen abschaltet, habe ich eine Alternativlösung?“ Wo die Technik herkommt und wem sie gehört, findet er zweitrangig.

Vom aktuellen Souveränitäts-Marketing hält er entsprechend wenig. Das BSI nennt fünf wichtige Kriterien, die EU vier, dazu kommt der Cloud Act. Wer alle Kataloge übereinanderlegt, kann am Ende zwölf Häkchen setzen, darf sich souverän nennen und kann trotzdem genauso wenig wie vorher. „Ich bin danach möglicherweise nicht handlungsfähiger, als ich es vorher war. Das ist das Problem des Marketings im Moment“, sagt Peter. Viele der bekannten Initiativen, Gaia-X, Delos, der Sovereign Cloud Stack, das Zentrum für digitale Souveränität, bestehen aus seiner Sicht aus Leuten, die seit zwanzig Jahren dasselbe tun und jetzt ein neues Etikett draufkleben. Stackit verkauft Google Workspace, die Telekom verkauft Azure. „Hauptsache, wir haben irgendwas, wo souverän dransteht, und die Compliance-Abteilung im Unternehmen kann sagen: Gott sei Dank, endlich ist es da.”

Ein Gedanke aus dem Gespräch geht mir seitdem nach, weil er direkt auf die Verwaltung zielt. Wir hätten uns viel Gemütlichkeit eingekauft, sagt Peter, ein Riesenregelwerk, das uns das Denken abnehmen soll. Dabei gebe es technisch längst gute Lösungen. „Rein technisch betrachtet haben wir eine Menge cooler Lösungen. Wir sind nur sehr faul, die zu applizieren. Wir sind halt gemütlich“, sagt er. Und weiter: „Wir haben uns viel Gemütlichkeit eingekauft, weil wir so ein Riesenregelwerk haben, das alles für uns abfackeln soll. Aber keiner hat das Regelwerk geschrieben in der IT.“

Was Ayedo wirklich verkauft

Zurück zum Motor. Peter entzaubert auch das eigene Geschäft. Im Kern verkauft Ayedo keine Technik, das Unternehmen verkauft gelöste Compliance-Probleme. Kubernetes nennt er das trojanische Pferd. „Nach meinem Verständnis lösen wir hauptsächlich Compliance-Probleme für die Leute“, sagt Peter. „Die wollen einfach diese Vollkaskoversicherungssituation, dass sie sich keine Gedanken machen müssen. Was die kaufen, ist, dass es läuft. Dass es nachweisbare technische Garantien dafür gibt, dass es läuft.”

Bei Behörden sieht man das besonders gut. Eine Onlineleistung nach dem OZG muss für Bürger erreichbar sein. Das Behördenrechenzentrum und seine Firewall geben das aber oft nicht her. „Dann sitzen da Behördenadmins und sagen: Du kannst auf gar keinen Fall noch in meine Firewall bohren und da Webtraffic reinmachen, weil dann sterben wir hier alle“, erzählt Peter. Also gibt es eine Markterkundung. Das sei oft ein Anruf bei einem Unternehmen wie Bechtle. Dann gibt es eine Ausschreibung mit langem Anforderungskatalog: 24/7-Support, Standort Deutschland, keine amerikanischen Investoren, zertifizierte Fachleute undsoweiter. Das ist aufwendig und kaum eine Behörde kann das selbst leisten. Am Ende landet der Auftrag bei einem Dienstleister, der die Kästchen abhaken kann.

Kulturpessimismus macht Peter daraus nicht, im Gegenteil: Die IT sei jahrzehntelang Wilder Westen gewesen, unreguliert, ganz anders als das Handwerk mit seiner langen Tradition. Und jetzt werde auch die IT langsam erwachsen. Diese Reifung sehen wir in Regeln wie NIS2, dem Data Act und all den anderen Vorschriften, die Peter halb belächelt und halb begrüßt. Eine normale Reifung. „Wenn du dich mal eingegroovt hast mit all diesen Sicherheitsmaßnahmen und all diesen Regeln, dann baust du gute Häuser. Ich finde, wir leben in sehr gut strukturierten Häusern in Deutschland.”

Was ich davon halte

Damit zu dem Teil jeder Ausgabe, den ich am liebsten mag und vor dem ich mich oft auch fürchte. Die Frage: Was halte ich eigentlich davon? Ich möchte weder Werbung machen, noch vorschnell oder falsch urteilen, ein schmaler Grad also. Aber: Ich mag an Peters Sicht, dass sie die Debatte erdet.

Souveränität als Handlungsfähigkeit statt als Herkunftssiegel, das passt zu dem, um das es in diesem Newsletter immer wieder geht. Wie schaffen wir einen Staat, der funktioniert, und wer baut ihn eigentlich? Ich glaube nämlich, so ein Staat entsteht nicht durch das richtige Etikett auf der Cloud oder sonst einer Dienstleistung, sondern dadurch, dass er im Ernstfall wechseln kann. Und die Beobachtung mit der eingekauften Gemütlichkeit beschreibt das Problem sehr genau, finde ich. Deutschland ist nun mal das Land der Regeln und Regularien.

Zwei Haken sehe ich trotzdem. Erstens klingt Plan B leichter, als er ist. Handlungsfähig bleiben heißt, Ausstiegspfade und Redundanz vorzuhalten. Wie soll das eine Kommune machen, die eh schon ein gigantisches Loch in ihrer Kasse hat? Das ist teure, mühsame Arbeit. Ironischerweise ist es genau die Arbeit, für die Firmen wie Ayedo bezahlt werden. Wer keinen Dienstleister hat, hat den Plan B eben nicht.

Zweitens spielt auch Peter das Spiel mit, und er weiß es. „Wir spielen das Marketingspiel auch mit und sagen, wir bieten souveräne Lösungen. Und wir versuchen dann immer, diesen Schatten darauf zu werfen, dass das voller Interpretationsspielraum ist und die Leute nachdenken sollen.” Das ist ehrlich, ändert aber nichts daran, dass hier ein kleines Team wichtige Infrastruktur betreibt, für Banken und Verwaltungen.

Am Ende bleibt bei mir vor allem hängen, dass es nicht schnell gehen wird. Peter verspricht keine digitale Unabhängigkeit über Nacht. „Wichtig ist nur, ich muss verstehen, was ich da mache. Und das haben wir verloren. Deswegen sitzen wir jetzt hier und hängen dieses Souveränitätsschild dran, das alles für uns lösen soll.” Unbequem, schlecht zu verkaufen und vermutlich genau richtig.

Ayedo, die Firma selbst, mit ihrer Arbeit an cloud-nativen Fachanwendungen.

Die beiden Ausgaben von Papierstau über Confidential Computing: Edgeles Systems und Enclaive.

Das Valve New Employee Handbook, das Peter als Vorbild für seine ungewöhnliche Firmenkultur nennt, kleines Team, viel Eigenverantwortung.

Souveränität, die keine ist. Hier ein Beitrag dazu von Heise, den ich sehr empfehle.

Hier ein Interview mit Fabian Peter, geführt von der Open Source Business Alliance.

Wie hält es eure Organisation mit dem Plan B? Wüsstet ihr, wohin ihr wechselt, wenn euer wichtigster Anbieter morgen abschaltet? Und ist Souveränität für euch eine Frage der Herkunft oder der Handlungsfähigkeit? Schreibt mir.

Schönes Wochenende!

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Und damit zum Sponsor der heutigen Ausgabe:

Ich freue mich wirklich sehr darüber, dass die Chance-Jugend-Stiftung sich entschieden hat, in diesem Newsletter Werbung zu machen. Ich begleite die Arbeit der Stiftung seit vielen Jahren intensiv und habe nicht nur ihre Projekte in Bamberg, Burgstädt bei Chemnitz und Berlin selbst besucht, sondern auch die in Kapstadt, Knysna und Plettenberg Bay in Südafrika.

Was mich dabei jedes Mal aufs Neue beeindruckt: Hier wird nicht einfach über Hilfe geredet, hier wird geholfen. Alles fängt etwa mit einer warmen Mahlzeit im House of Hope and Glory an oder mit Fußballtraining in Knysna. So sollen die Jugendlichen neugierig gemacht werden. Dann gibt es Ausbildungsprogramme wie im Franschoek Hospitality Academy and Learning Centre oder bei Don Bosco in Burgstädt in Sachsen. Überall habe ich Menschen getroffen, die den jungen Leuten, die es wollen, eine Perspektive geben.

Deshalb kann ich guten Gewissens sagen: Wer die Chance-Jugend-Stiftung unterstützt, kann sicher sein, dass jeder Euro dort ankommt, wo er gebraucht wird. Schaut euch die Arbeit der Stiftung an. Und lasst ein paar Euro da. Sie kommen an!

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