
Es gibt Sätze, die bleiben hängen, wenn man über Verwaltungsdigitalisierung schreibt. Einen davon verdanke ich Ismet Koyun. Wie oft ich eine Behörden-App benutzen würde, wenn meine Gemeinde denn eine anbieten würde, wollte er von mir wissen, und gab die Antwort gleich selbst. „Einmal im Jahr ungefähr. Das funktioniert nicht.“
Koyun ist Gründer und Chef von Kobil aus Worms. Mit 18 Jahren und 20 D-Mark in der Tasche kam er zum Studium aus der Türkei nach Deutschland. 1986 gründete er Kobil. Damals lebte er noch im Studentenwohnheim. Er hat den TAN-Generator erfunden und patentieren lassen, den viele von uns jahrelang fürs Online-Banking benutzt haben, 20 bis 30 Millionen Stück hat Kobil davon verkauft. Seit 2013 verfolgt er eine größere Idee, die ihn nach eigenen Angaben viel Geld und schlaflose Nächte gekostet hat. Die Super-App.
Und damit willkommen zu einer neuen Ausgabe von PAPIERSTAU, dem Newsletter über die Unternehmen, die die Verwaltung digitalisieren. Heute geht es um die Frage, wie viel Staat in eine einzige App passt. Und ob wir das wollen sollten. Wenn dir gefällt, was du hier liest, freue ich mich, wenn du PAPIERSTAU unterstützt.
Ihr kennt das, wenn einige Dinge zusammenkommen, die man eigentlich nicht miteinander verknüpft bekommt, oder? Als ich das Angebot, mit Koyun zu sprechen, in meinem Postfach hatte, war das Thema Verwaltungsdigitalisierung für mich noch relativ neu. Und: Ich hatte kurz vorher meinen TAN-Generator erst letztgültig aussortiert, ihn aber noch zu Hause liegen. Als ich also nachsah, wer Koyun ist und was sein Unternehmen Kobil macht, merkte ich schnell, dass ich ein Gerät von ihm die letzten 20 Jahre fast immer dabei hatte. Klar, dass ich mich mit ihm unterhalten musste.
Ich mag diese Art von Geschichten, weil sie mir zeigt, wie verwunden die Pfade manchmal sind, auf denen man sich auf eine gute Story entlangbewegt, und für mich waren die Artikel, die ich über Ismet Koyun geschrieben habe, immer mit einem längeren Weg verbunden. Heißt: Ich musste sehr lange darüber nachdenken, was ich schreibe und wie ich es erzähle. Das fängt schon damit an, dass ich mich gefragt habe, wie viel von seiner Backstory in eine Geschichte über eine Super-App gehört. Was ist eigentlich eine Super-App und ist das nicht eigentlich ein furchtbarer Marketing-Name? Und generell habe ich mich damals gefragt: City-App? Braucht es das wirklich?
Entsprechend lang lag das Ganze bei mir nach dem Gespräch auf dem großen Stapel der To-dos und immer wieder kam die Nachfrage: „Kommt denn da noch was?“ Ich schreibe diese lange Anekdote hier auf, weil ich mich gedanklich wieder an einem Punkt befinde, an dem ich mich frage, was mit den kommunalen Apps wird. Dass die Gemeinde, wie auch viele Unternehmen, einen Weg sucht, mit mir zu sprechen, erscheint mir logisch. Dass der Staat das auch gerne möchte, ebenfalls. Aber wie oft nutze ich das überhaupt, und reicht mir dafür nicht eigentlich einfach eine Webseite?
Gut, dass ich das erstmal gar nicht beantworten muss, sondern dass Koyuns das macht. Und dessen These geht so: Eine reine Behörden-App wird niemand benutzen, weil niemand jeden Tag einen Hund anzumelden hat. Wenn die Bürger eine App aber täglich öffnen sollen, muss der Alltag hinein. Das heißt: Taxi, Apotheke, Babysitter, das Schuhgeschäft um die Ecke, der Kindergarten. Aber eben auch das Amt. Alles soll in die App, findet Koyun. Das gesamte Leben im Smartphone – an einer Stelle. Kobil, so Koyun, liefere dafür die Plattform. Heißt: sichere Identität, Messaging, Bezahlfunktion und digitale Signatur. Die Anwendungen darauf, kleine Mini-Apps, sollen von Startups und regionalen Betrieben kommen. „Alles andere ist Quatsch“, sagt Koyun. Es könne auch gar nicht alles von ihm kommen, weil er ja gar nicht weiß, was die Leute brauchen und wie sie es umgesetzt haben wollen.
Dann kam die Deutschland-App
Und dass das funktionieren kann, hat er nach eigenen Angaben schon längst gezeigt. In Istanbul betreibt Kobil seit 2021 die Stadt-App „Istanbul Senin“, „dein Istanbul“, mit rund fünf Millionen Nutzern. Und in Worms, wo eine Ausschreibung über gerade einmal 80.000 Euro lief. Kobil hat sie gewonnen und nach eigenen Angaben mehr als 1,5 Millionen Euro eigenes Geld hineingesteckt, um zu beweisen, dass eine deutsche Kommune so eine App bekommen kann. Sein Angebot an alle anderen Städte klingt fast zu gut, 20.000 Euro im Jahr, weil die Plattform ja schon steht. Nur die Anbindung an Bund-ID und die OZG-Infrastruktur, sagt er, laufe schleppend.
Im Frühjahr wurde bekannt, dass das Digitalministerium den Prototyp der Deutschland-App von SAP und T-Systems bauen lässt, über bestehende Rahmenverträge, ohne offene Ausschreibung. Koyun erzählt, Leute aus dem Ministerium hätten sich vorher bei Kobil gemeldet und eine Einbindung der Unternehmen in Deutschland versprochen. Dann habe er aus dem Handelsblatt von der Vergabe erfahren. Sein Urteil fällt daher drastisch aus.
„Solche Sachen kennt man aus anderen Ländern, das riecht nach Vetternwirtschaft.“ Er zieht die Parallele zur Corona-Warn-App, ebenfalls SAP und Telekom, ebenfalls teuer. Und sie ist heute abgeschaltet. Und er sagt Sätze, die dann doch aufhorchen lassen. „Innovation kommt nicht von den großen Konzernen. Sie kommt vom Mittelstand oder von Startups.“ Hier geht es darum, wie der Staat einkauft. Das hatten wir in der vergangenen Ausgabe schon. Und hier, so kann man es sagen, ist jemand sauer über den aktuellen Modus operandi.
Mit dieser Kritik ist Koyun natürlich nicht allein. Andere sprechen von nicht nachvollziehbaren Entscheidungen oder von strategischem Irrsinn und guter Lobbyarbeit. Die Rahmenverträge sind das eine. Dass die Großen nun einen Prototypen bauen sollen, auf dessen Basis dann später ausgeschrieben werden soll, ja, das ist das andere.
Was ich davon halte
Ich finde, Koyuns stärkstes Argument ist die Akzeptanz. Er denkt konsequent vom Nutzer her, und die Erfahrung gibt ihm recht, von der AusweisApp bis zu den vielen City-Apps, die niemand öffnet. Eine Behörden-App ohne Alltag ist ein Regal ohne Laden. Ich würde ihm da zustimmen. Das funktioniert nicht.
Trotzdem: Bei dem Modell habe ich hier und da gezuckt. Eine Super-App nach dem Vorbild von WeChat bedeutet, dass ein privates Unternehmen die Infrastruktur betreibt, über die Bürger mit dem Amt, dem Bäcker und dem Babysitter kommunizieren. Ich kenne solche Kanäle aber auch einfach nicht und kann das bisher schwer nachvollziehen, wie das mal werden soll. Wer kontrolliert diesen Kanal, was passiert mit den Daten, was passiert, wenn Kobil eines Tages verkauft werden sollte? Ist der nächste Besitzer dann auch noch so offen?
Dann ist da natürlich noch die Frage der Politik rund um die Deutschland-App. Ja, so gut wie alle, mit denen ich in den vergangenen Wochen über die Deutschland-App gesprochen habe, halten die Vergabe für zumindest hinterfragenswert. Nur waren das eben auch alles Leute, die nicht SAP oder Telekom heißen. Das macht ihre Einwände nicht falsch, man sollte es beim Zuhören nur mitdenken. Der Bund hat Rahmenverträge genutzt, dafür sind sie da. Wie es auf alle wirkt, die solche Verträge nicht haben, kann sich jeder selbst beantworten. Und man fragt sich natürlich, warum manche anfangen, von unten zu digitalisieren, wenn von oben dann doch was anderes kommt.
Weiterführende Links
Mein Interview mit Ismet Koyun im Tagesspiegel Background über die Worms-App und das Vorbild Istanbul.
Kobil, die Firma selbst, mit ihrer Super-App-Plattform.
Istanbul Senin, die Stadt-App, mit der alles angefangen hat.
Der Handelsblatt-Bericht zur Vergabe des Deutschland-App-Prototyps an SAP und T-Systems.
Das Thema Apps hatten wir in PAPIERSTAU auch schon mal, hier noch mal die Ausgabe über Smart City Solutions.
Ich finde das Thema tatsächlich spannend und frage mich gerade, ob man hierzu noch mal einen Deep-Dive machen sollte. Gibt es Facetten, die euch besonders interessieren würden?
Viel Spaß beim Lesen und schönes Wochenende!
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