Open Source as a Service, oder: Wie Smart Village Solutions Kommunen den IT-Betrieb abnimmt.

Eine bayerische IT-Verantwortliche hat tausend verschiedene Systeme in ihrer Kommune. Sie führt kein weiteres ein, wenn nicht jemand den Betrieb übernimmt. In einer 20.000-Einwohner-Stadt besteht die IT-Abteilung vielleicht aus zwei Leuten. Die können ein Windows-Netzwerk betreiben, Drucker installieren, User-Management machen. Aber eine Ruby-Anwendung debuggen oder einen Webdienst auf einem Server zum Laufen bringen? Nicht deren Expertise, nicht deren Tagesgeschäft.

Und damit zu einer neuen Ausgabe meines Newsletters Papierstau, in dem ich euch die Unternehmen vorstelle, die helfen, die Verwaltung zu digitalisieren.

Das ist das Problem, das Philipp Wilimzig löst. Sein Unternehmen Smart Village Solutions mit Sitz in Berlin unterstützt Kommunen bei der Einführung und dem Betrieb von Open-Source-Software. Wilimzig nennt das Geschäftsmodell „Open Source as a Service". Die Ähnlichkeit zu Software as a Service ist gewollt.

Das Modell: Installation, Betrieb, Weiterentwicklung

Smart Village Solutions macht drei Dinge. Erstens: Open-Source-Software für Kommunen installieren und einführen. Manchmal ist das ein Mausklick, manchmal ein Projekt mit zig Personentagen. Zweitens: den laufenden Betrieb übernehmen. Support, Updates, Sicherheit, alles aus einer Hand. Und drittens: Weiterentwicklung und Individualisierung, wo sie gebraucht wird.

Der Unterschied zu anderen Hostern: Smart Village Solutions stellt nicht einfach einen Server hin und sagt: Macht mal. Sie übernehmen die Arbeit, die sonst in der kommunalen IT-Abteilung liegen würde. Und sie prüfen vorher, ob eine Open-Source-Lösung qualitativ gut genug ist, um sie mit gutem Gewissen anzubieten. Wie stabil ist das Projekt? Wie sieht die Architektur aus? Wie ist das Maintainment? Nur was diese Prüfung besteht, kommt ins Portfolio.

Das Hauptprodukt ist die Smart-Village-App, eine Open-Source-Plattform für kommunale Bürgerkommunikation. Rund 50 App-Projekte laufen, dahinter stehen deutlich mehr Kommunen. Allein in Schleswig-Holstein sind 200 Kommunen in einem einzigen Projekt involviert. Daneben betreibt das Unternehmen weitere Lösungen: HumHub als Intranet- und Community-Plattform, OpenSDG für die Darstellung kommunaler Nachhaltigkeitsziele.

Warum Open Source? Weil Public Money.

Wilimzig macht keinen Hehl daraus, dass er das Thema auch politisch sieht. „Als Bürger und Steuerzahler kann ich nicht gutheißen, dass Unternehmen dem Staat banalste Dinge sehr teuer verkaufen, einfach weil sie es können", sagt er. Knebelverträge, Abhängigkeiten, fehlende Transparenz. Open Source sei der Weg, den Staat unabhängig zu machen, ohne auf die Innovationsgeschwindigkeit der Privatwirtschaft zu verzichten.

Den Vorwurf, Open Source sei eine Bastelrampe, kennt er. Seine Antwort: Man muss zwei Dinge trennen. Es gibt private Bastelprojekte, die Open Source sind. Und es gibt die Internet-Infrastruktur, die auf Open Source läuft, die Linux-Kerne in unseren Smartphones, die Server, auf denen das halbe Web liegt. Open Source allein ist nicht die Lösung, sagt Wilimzig. Aber Open Source mit professionellem Betrieb und Service auf dem Niveau eines proprietären Herstellers, das ist es.

Nicht Software verkaufen, sondern ein Gespräch anfangen

Was Smart Village Solutions von einem klassischen IT-Dienstleister unterscheidet, ist der Einstieg. Wenn Wilimzig mit einer Kommune über die Smart-Village-App spricht, geht es zunächst nicht um Software. Es geht um Bürgerkommunikation. Wie erreicht ihr eure Bürgerinnen und Bürger? Wie bereitet ihr euch auf Krisenfälle vor? Wie schafft ihr Gemeinschaftsgefühl in einer Zeit, in der der direkte Kontakt abnimmt?

Wilimzig beschreibt das als Mindshift. Verwaltungen hätten lange argumentiert: Uns hat es immer gegeben, wir stehen in keinem Wettbewerb, wenn jemand was von uns will, kommt er schon. Sein Gegenargument: Kommunen stehen sehr wohl im Wettbewerb. Bürger entscheiden, wo sie leben. Unternehmen entscheiden, wo sie sich ansiedeln. Politische Kräfte werden gewählt oder nicht gewählt.

„Es geht nicht darum, wie der Bürger zur Verwaltungsleistung kommt", sagt Wilimzig. „Sondern wie die Verwaltungsleistung zum Bürger kommt." Push-Kommunikation statt Homepage. Beteiligung statt Bekanntmachung. Und wenn man so denkt, landet man irgendwann beim Smartphone, bei der App, bei Open Source, beim Hosting. Aber eben in dieser Reihenfolge.

Eine Idee, die er bisher nicht durchbekommen hat: ein Bürgermeister-Dashboard. Öffentlich sichtbar, was die Kommune vorhat, was davon umgesetzt ist, was nicht klappt. So wie das OZG-Dashboard, nur auf kommunaler Ebene. „Eine Verwaltung weiß häufig noch nicht mal, welche Ziele sie hat", sagt Wilimzig. „Geschweige denn, dass sie diese misst."

Kein Start-up, kein Govtech-Label

Wilimzig wehrt sich gegen das Label „Start-up“. Das Unternehmen gibt es seit 2009, seine Gesellschafter sind seit Ende der 90er Jahre in den Märkten unterwegs. Das Wachstum ist linear, nicht exponentiell, und das ist Absicht. Persönlicher Kontakt zu den Kunden, genug Kapazität für intensive Betreuung.

Auch das Wort Govtech nimmt er nicht für sich in Anspruch. „Wir sind IT-Dienstleister im Marktsegment öffentlicher Hand. Das ist eine Branche, die gibt es nicht erst seit gestern. Govtech ist ein neuer Begriff für neuen Wein in alten Schläuchen."

Dabei verändert sich gerade viel im Unternehmen. KI beschleunigt die Produktentwicklung massiv. Wilimzig erzählt, dass sein Team inzwischen Wegwerfsoftware baut: zwei Stunden vibe-coden, eine Stunde nutzen, dann löschen, weil die Aufgabe erledigt ist. Gleichzeitig setzt er KI ein, um Kommunen bei der redaktionellen Befüllung ihrer Apps zu helfen: Inhalte werden durch KI-Agents aufbereitet, die Kommune macht nur noch die Endabnahme.

Was er sucht, sind keine Programmierer. Sondern Leute, die kommunale Probleme verstehen, in Prototypen denken können und die Sprache der Verwaltung sprechen. „Meine Rolle war immer die eines Übersetzers", sagt er. „Reinschauen in die Kommune, verstehen, was das Problem ist, Rahmenbedingungen abstimmen und dann sagen: Bauen wir."

Was ich davon halte:

Smart Village Solutions ist kein Leuchtturmprojekt und kein Disruptor. Es ist ein Unternehmen, das eine sehr konkrete Lücke füllt: Kommunen haben weder das Personal noch die Expertise, Open-Source-Software selbst zu betreiben. Wilimzig nimmt ihnen diese Arbeit ab.

Das Geschäftsmodell funktioniert, weil es auf Skaleneffekte setzt. Jede einzelne Kommune hat wenig Geld. Aber wenn 50 oder 200 Kommunen die gleiche Software nutzen, kommen Budgets zusammen. Wilimzig sagt, er könne aus einem Euro fünfzig machen. Das klingt nach Übertreibung, aber die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Was einmal entwickelt ist, wird für jede weitere Kommune günstiger.

Die offene Frage ist Abhängigkeit. Wilimzig betont, dass die Smart-Village-App der Community gehört, nicht ihm. Aber faktisch hängt vieles an seiner Person: die Kundenbeziehungen, die Übersetzungsarbeit zwischen Kommune und Technik, die strategische Richtung. Er weiß das. „Vieles hängt an mir", sagt er. „Das höre ich mal als Vorwurf, mal als Lob."

Die andere offene Frage ist die nach dem Leben ohne Förderung. MPSC, Zukunftsfähige Innenstädte, Heimat 2.0, viele Smart-Village-App-Projekte wurden mit Fördergeld angeschoben. Wilimzig ist optimistisch, dass es neue Töpfe geben wird. Aber ein Geschäftsmodell, das auf kommunalen Eigeninvestitionen basiert, muss sich erst noch breiter beweisen.

Was bleibt, ist ein Unternehmen, das zeigt, dass Open Source im kommunalen Alltag funktionieren kann. Nicht als Ideologie, sondern als pragmatisches Werkzeug. Und ein Gründer, der sagt: „Die Kommune ist die erste Front. Da müssen wir ran."

Die Smart Village App ist auf GitHub öffentlich einsehbar, inklusive Code und Dokumentation. Wer sich selbst ein Bild machen will, wie das Projekt aufgebaut ist. Hier geht es lang.

Zum Hintergrund habe ich vergangenes Jahr beim Tagesspiegel Background ausführlich über Open Source in der kommunalen Verwaltung geschrieben. Philipp Wilimzig kommt dort auch zu Wort: „Digitale Souveränität: Kann Deutschland Open Source?" Hier geht es zum Text.

Wer sich für das Thema City-Apps und kommunale Bürgerkommunikation interessiert: Ich habe die Landschaft der Stadt-Apps bei Tagesspiegel Background aufgeschrieben. Detmold, Worms, Bochum und viele andere. Zum Text geht es hier entlang.

Das Civitas-Core-Porträt aus Papierstau #3 zeigt einen anderen Ansatz für dasselbe Grundproblem: Wie organisiert man kommunale Open-Source-Infrastruktur nachhaltig? Dort über einen Verein, hier über einen Dienstleister. Beides hat seine Berechtigung. Auf sich selbst verlinken, bestes Gefühl. Hier entlang.

Und noch ein Lesetipp von außerhalb: Die Open Source Business Alliance (OSBA) veröffentlicht regelmäßig den „Open Source Monitor" zur Verbreitung offener Software in der deutschen Verwaltung. Guter Überblick für alle, die Zahlen brauchen. Hier gibt es mehr Infos.

Eine Frage zum Schluss: Nutzt eure Kommune Open-Source-Software im Alltag? Und wenn ja: Betreibt ihr die selbst oder lasst ihr sie betreiben? Mich interessiert, wie das in der Praxis wirklich aussieht.

Schönes Wochenende!

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