
Ich habe in diesem Newsletter schon oft über Vergabe geschrieben. Ich glaube, das sind oft Geschichten, in denen dicke Bretter gebohrt werden. Und oft sind es Geschichten, in denen Unternehmen an den Vergaberegeln in Deutschland verzweifeln. Heute schauen wir uns das Thema von der anderen Seite an und beleuchten ein Unternehmen, das sein Geschäft auf der komplexen Vergabe aufgebaut hat: Govradar aus München.
Wie immer geht es aber nicht nur um das Unternehmen, sondern um das Problem, das es vorhat, zu lösen. Und um die Sachbearbeiterin in einer Gemeinde mit 20.000 Einwohnern, die ein Löschfahrzeug für die Freiwillige Feuerwehr ausschreiben muss. Nebenbei, neben dem Reinigungsvertrag fürs Bürgeramt und dem Rest des eh viel zu vollen Arbeitstages. Sie hat vielleicht noch nie eine Ausschreibung für ein Feuerwehrfahrzeug gemacht. Irgendwo in Deutschland hat es aber schon jemand gemacht, wahrscheinlich sogar letzte Woche. Sie weiß nur nicht, wer und wo.
Und damit willkommen zu einer neuen Ausgabe von PAPIERSTAU, dem Newsletter über die Unternehmen, die die Verwaltung digitalisieren. Heute geht es um Govradar aus München und um die Frage, ob sich Wissen, das an den unzähligen Vergabestellen verstreut liegt, einfach einsammeln lässt.
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Govradar wurde 2020 von Sascha Soyk und Daniel Faber gegründet. Soyk hatte vorher den Cyber-Innovation-Hub der Bundeswehr mit aufgebaut. Dort, sagt er, sei ihm die Lücke erstmals aufgefallen. Das Ding hieß Innovation Hub, aber das Problem lag gar nicht bei der Innovation. Passende Lösungen habe man schnell gefunden, nur nicht die Wege, die zu ihnen führten, also sie zu beschaffen.
Govradar setzt deshalb nicht bei der Vergabe selbst an, sondern davor. Rund 80 Prozent der Zeit, sagt Soyk, gehen in die Vorbereitung. Was will ich eigentlich? Wie beschreibe ich meinen Bedarf so, dass am Ende Angebote kommen und das Ganze vor der Vergabekammer hält? Die Software läuft im Browser, und ihre Grundlage sind nach Soyks Angaben über neun Millionen öffentlich bekannt gemachte Vergabeunterlagen, die Govradar seit fünf Jahren von über 60 deutschen Vergabeplattformen erfasst. Wie viele Stellen es gibt, die in Deutschland Vergaben machen oder ausschreiben, ist offenbar nicht bekannt. Es kursieren Zahlen von bis zu 30.000. Das ist natürlich eine ganze Menge. Das ist unübersichtlich. Das sind aber auch viele Daten, die man nutzen kann.
Bleiben wir beim eingangs erwähnten Beispiel. Wer ein Löschfahrzeug ausschreiben will, tippt in das Tool von Govradar nun also „Löschfahrzeug“ ein und bekommt eine Gliederung und Textbausteine aus dem, was andere Kommunen bereits veröffentlicht haben. Denn: „Wahrscheinlich hat eine andere Vergabestelle das schon einmal ausgeschrieben. Du wusstest nur nicht, wer und wo.“
Auf welchen Daten Govradar die Gliederung und Textbausteine aufbaut, haben wir nun schon geklärt. Nur woher weiß ein Nutzer, dass das alles auch stimmt? Schließlich kann eine KI auch halluzinieren. Bei Govradar, sagt Soyk, sieht man zu jedem Abschnitt die Quelle, kann ins Original klicken und Quellen aussortieren. Damit hat man schon mal den größten Teil erledigt. „Ich sage immer, wir sind eine 80-Prozent-Lösung. Zu 80 Prozent sind die Aufgaben aller Vergabestellen ähnlich. Die Besonderheiten und die Freigabe übernimmt am Ende ohnehin der Mensch.“ So kann man am Ende zum Beispiel noch den Wehrführer der Feuerwehr einladen, um mit ihm zu klären, ob das Fahrzeug zwei oder drei Achsen haben muss, um im Bild zu bleiben.
13 Wochen, drei Wochen
Der Fall, den Soyk gern erzählt, ist Hannover. Dort bereiten seit 2022 26 Vergabekoordinatoren ihre Verfahren mit Govradar vor. In der Region Hannover habe die Vorbereitung einer Vergabe vorher rund 13 Wochen gedauert, jetzt zweieinhalb. Die Zahl zeigt, worauf die Lösung am Ende zeigt: Zeitersparnis, um Personal zu entlasten. „Personal einsparen ist nicht die Frage. Du findest es ja gar nicht mehr“, sagt Soyk. Im Wiener Bundeskanzleramt hat er vorgerechnet, dass eine flächendeckende Einführung in Österreich die Arbeitskraft von rund 550 Vollzeitstellen für andere Aufgaben freisetzen könnte. Ob so eine Rechnung im Rathaus verfängt, ist wiederum eine andere Frage. Der häufigste Einwand, den er hört, ist nämlich keiner gegen das Produkt: „Nur weil ich keine Leute habe, habe ich nicht plötzlich Euros.“ Ein Tool, das die Vergabe vereinfacht, muss auch eingekauft werden.
Bezahlt wird per Jahreslizenz, gestaffelt nach Größe der Organisation. Kunden sind Kommunen ab etwa 20.000 bis 30.000 Einwohnern, Stadtwerke, Landeseinrichtungen, vereinzelt der Bund. Nach Unternehmensangaben sind es inzwischen über 600 öffentliche Auftraggeber. Der größte Sprung war der Vertrag mit Nordrhein-Westfalen. Seit 2025 stellt das Land Govradar allen 427 Kommunen und seinen Landesdienststellen zur Verfügung. Das ist der Fall, den Soyk sich überall wünscht. Ein Land kauft einmal, und nicht 427 Gemeinden prüfen einzeln Datenschutz und IT-Sicherheit. „So wird Föderalismus skalierbar: zentral prüfen, dezentral nutzen“, sagt er.
Die Behelfslösung
Das Wort, an dem ich hängen geblieben bin, hat Soyk selbst benutzt. Govradar sei eine Behelfslösung. Ich habe länger überlegt, ob ich das schreibe, aber ich weiß, was er meint: Eigentlich müsste die Komplexität dort abgebaut werden, wo sie entsteht, im Vergaberecht und in der Aufteilung auf 16.000 Stellen. Das könne er nicht ändern, also nehme er den Föderalismus als gegeben und baue das Beste darauf. „Ich kann von außen für das System arbeiten.“ Mit knapp über 50 Leuten, die Hälfte in München, die übrigen deutschlandweit verteilt. Und seit August als eines der Gründungsmitglieder der Govtech-Allianz, die genau diese Vereinfachung der Vergabe von der Politik fordert und Unternehmen bündelt, um ihnen ein Sprachrohr zu bieten.
Was ich davon halte:
Govradar löst das Problem nicht, das es beschreibt. Das sagt Soyk selbst, und weil ich in diesem Newsletter immer wieder damit konfrontiert werde, sage ich es diesmal deutlich: Es ist schon irgendwie ein Hammer, dass man in Deutschland ein Business auf der Komplexität des Systems aufbauen kann. Die Verwaltung schreibt an tausenden Stellen dieselben Dinge aus, und statt diesen Prozess für Kommunen und andere Stellen einfacher zu machen, wird das Abschreiben effizienter. Das ist ein legitimes Geschäft und für die Sachbearbeiterin mit dem Löschfahrzeug eine große Hilfe. Es ist aber auch eine Feststellung darüber, wo der Staat gerade steht. Der Wissenstransfer zwischen Kommunen funktioniert nicht und ein Unternehmen kann ihn kommerzialisieren.
Wer hier länger mitliest, kennt dieses Muster. Bei Summ AI habe ich geschrieben, es sei bezeichnend, dass ein Startup die Verwaltung daran erinnern muss, ihre Prozesse erst einmal aufzuschreiben. Bei Leistungslotse stand die Frage, warum es ein kleines Team aus Berlin braucht, damit Anträge so gebaut werden, dass Menschen sie ausfüllen können. Das Muster gibt es häufiger. Der Staat hat sich in Komplexität verheddert, Unternehmen entwirren. Ich finde, Govradar ist die Firma, die diese Komplexität sehr direkt aufzeigt und in ein Produkt übersetzt. Neun Millionen Unterlagen, durch die sonst keiner durchblickt, weil vergebende 16.000 Stellen keine Infrastruktur haben, auf der sie miteinander reden können.
Soyk hat dafür das ehrlichste Wort gefunden, das ich in diesen Gesprächen bisher gehört habe: Behelfslösung. Ich finde es ja schon interessant, dass ein Land wie NRW offenbar genau weiß, dass es das Thema nicht lösen wird, und den Weg über Govradar amtlich macht. Ich glaube, der einfachere Weg ist es allemal. Schließlich war alles schon irgendwo mal ausgeschrieben.
Weiterführende Links:
Govradar, die Website des Unternehmens mit der Beschreibung der Vergabevorbereitung.
Munich Startup zum Landesvertrag mit Nordrhein-Westfalen ab Juli 2025.
Interview mit Soyk bei deutsche-startups.de vom September 2025
Starting-Up zur Gründung der GovTech-Allianz mit allen 18 Mitgliedern.
Hier noch ein Interview mit Soyk in eGovernment.
Meine letzte Ausgabe zum Thema: Papierstau, der zweite rote Faden, in dem die Vergabe aus Sicht der kleinen Anbieter vorkommt.
Wie sieht es denn aus – habt ihr vielleicht noch ein paar Vergabegeschichten beizusteuern?
Bis dahin, schönes Wochenende!
