In meinem Gespräch mit Henri Schmidt ist mir ein Satz vor allen anderen hängen geblieben: „In Berlin können mir alle folgen. Im Wahlkreis sagt mein Bürgermeister: Was sprichst du für eine Sprache? Ich kenne keinen Deutschland-Stack.“ Schmidt ist CDU-Abgeordneter und sitzt im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung. Ich habe ihn seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekommen, weil er beschreibt, was in den Ausgaben davor und danach immer wieder passiert ist. Oben und unten reden über denselben Staat und meinen doch nicht dasselbe.

Foto: Aaron Leithäuser
Im Juli hatte ich nach elf Unternehmensporträts in diesem Newsletter erstmals Bilanz gezogen. Dabei sind sechs Lektionen hängen geblieben und am Ende stand ein Befund: Der Staat wird gerade neu gebaut, nur nicht da, wo alle hinschauen. Wir blicken viel auf den Bund und welche großen Reformen dort gerade stattfinden. Viel von dem, was gerade wichtig ist, findet aber vor Ort, in den Rathäusern, statt. Seitdem sind neun Ausgaben dazugekommen.
Die haben mich nach oben geführt. In den Bundestag, in die europäische Cloud, in die Vergabe, zur Deutschland-App. Parallel habe ich für den Tagesspiegel Background das Ganze Drumherum aufgeschrieben: Ich habe mit Bürgermeisterinnen gesprochen, den Digitalminister auf einigen Bühnen reden hören, die Kassenlage der Kommunen besprochen, den ersten Durchlauf des Agentic‑AI-Hub begleitet. Hier lasse ich nun all das zusammenfließen. Dieses Mal ist dabei wieder ein Lektionenkatalog herausgekommen. Und trotzdem ein einziger Faden, vom Rathaus nach oben und wieder zurück, herausgekommen.
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Lektion 1: Der Staat kann es nicht mehr allein
Ja, ich weiß, das klingt jetzt etwas provokant. Aber, ich glaube, die Zahlen geben mir recht. Christian Ege, früher CIO des Saarlands und heute Vorkämpfer für den Bürokratieabbau, hat sie in Ausgabe 15 vorgerechnet. 600.000 Stellen im öffentlichen Dienst sind heute unbesetzt, bis 2028 gehen weitere 600.000 Leute in den Ruhestand, bis 2032 noch einmal 750.000, bei gut fünf Millionen Beschäftigten insgesamt. Gegenüber stehen 200.000 Verwaltungsvorschriften, die keiner mehr überblicken kann. Henri Schmidt rechnet noch größer. Bis 2039 verliert Deutschland 13,5 Millionen Menschen aus dem Arbeitsmarkt, und nur 8,5 Millionen kommen nach. Digitalisierung werde helfen, sagt Ege, KI werde auch helfen. „Die Ruhestandswelle ist nur schneller.“ Das ist das Eine.
Und dann müssen wir über Geld reden. Die kommunalen Spitzenverbände haben in diesem Jahr ein Defizit von über 30 Milliarden Euro gemeldet, 35 Milliarden können es sogar noch werden. Die Treiber sind Pflichtaufgaben, die keiner streichen kann: Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe zur Pflege. „Unsere Haushalte kollabieren reihenweise“, schrieben Städtetag, Landkreistag und Gemeindebund. Die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage lautete, für weitere Entlastungen seien „aktuell keine Spielräume vorhanden“. Die Kommunen sind also allein. Und die Smart-City-Förderung, mit der der Bund jahrelang Digitalisierung in die Fläche getragen hat, schrumpft im Haushaltsentwurf 2027 das zweite Jahr in Folge. Sie findet eigentlich schon nicht mehr statt.
Wie sich das unten anfühlt, haben mir Bürgermeisterinnen und Bürgermeister erzählt. Luca Piwodda, 26, ehrenamtlich in Gartz an der Oder, hat rund 100.000 Euro im Jahr frei verfügbar und 31 sanierungsbedürftige Straßen. Das geht nicht auf. „Manchmal fühlt man sich als Insolvenzverwalter“, sagt er. Der Augsburger Oberbürgermeister Freund sagt: „Wir Kommunen sind die Letzten in der Kette, und den Letzten beißen die Hunde.“ Monika Müller, Oberbürgermeisterin in Rastatt, räumt mit der Sparhoffnung auf: „Diese Krise werden wir mit Digitalisierung nicht kompensieren.“ Vor allem, weil man immer auch in analogen und digitalen Strukturen denken müsse – der Staat muss ja alle Menschen mitnehmen. Auch Oma Paschulke (auch das kommt von Bürgermeister Freund in Augsburg), die keine Lust mehr auf Verwaltung in der App hat. Maren Busch, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Diez, hat auf dem Govtech-Gipfel im Februar ihre IT-Abteilung beschrieben. Vier Leute, drei davon machen Support und haben keine IT‑Ausbildung. „Das ist mein Standard.“ Und selbst München, die reichste Stadtverwaltung des Landes, hat ein Fünftel seiner Stellen nicht besetzt.
Zudem: In München wartet man auf einen Wohngeldbescheid bis zu 18 Monate. Im Grundbuchamt liegt eine abbezahlte Grundschuld ein dreiviertel Jahr, bis sie jemand anfasst. Gleichzeitig werden die Gelder für alles zusammengestrichen, das irgendwie nicht nach Daseinsvorsorge riecht. Die ARD hat vor einiger Zeit in einem Film mal gezeigt, wie sich das in den Kommunen anfühlt. Ich empfehle den Film sehr und werde ihn verlinken. Die deutsche Verwaltung ist nicht aufgebläht. Sie ist ausgezehrt, wie zu wenig Butter auf zu viel Brot gestrichen. Sie wird gerade noch dünner. Wenn landauf, landab über Deutschland als Beamtenstaat geschimpft wird, sollte man sich vielleicht mal überlegen, wer den in Zukunft noch mal am Laufen halten soll. So, sagen viele, laufen wir gerade Gefahr, dass der Rechtsstaat selektieren muss, also seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen wird. Uff, was?
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Hier 👉 findet ihr die ARD‑Doku „Kassensturz – Kommunen vor dem Kollaps!"
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Lektion 2: Es gibt die, die helfen können, längst
Wollen wir doch mal ein bisschen Optimismus versprühen. Denn jetzt kommt es zu dem Teil, der mich seit Beginn dieses Newsletters trägt. Fangen wir mit einer Anekdote an: Nettetal hat Klepper von Neuraflow und seinen Mitgründer erst abgewimmelt, Studenten ohne Referenzen, und eine halbe Stunde später zurückgerufen. Wie das von der anderen Seite aussah, hat mir Thorsten Rode erzählt, der CIO der Stadt. Generative KI war damals ein halbes Jahr auf dem Markt, Neuraflow hatte keinen einzigen Kunden. Und jetzt soll auf einmal seine Kommune da zusagen? Rode hat sich dafür entschieden, Neuraflow eine Chance zu geben. Heute spricht er von einem Mega-Ding!
Ob das wirkt? Ich denke, die Zahlen geben Rode recht. Heute landen dort rund zehn Fragen am Tag, bei 43.000 Einwohnern, und die kommen in der Hotline nicht mehr an, sondern werden gleich zur digitalen Dienstleistung weitergereicht – hier wird also effektiv Arbeitszeit eingespart. Um Return on Invest sei es damals gar nicht gegangen, meinte Rode, sondern um Zugang, auch für die Menschen aus der Ukraine, die 2022 kamen und das Rathaus in ihrer Muttersprache fragen konnten. Und je besser der Zugang ist, desto zufriedener werden die Leute. Desto mehr Vertrauen gewinnt die Kommune zurück. Und Rode hat eine Arbeitsteilung beschrieben, die ich seitdem in vielen Rathäusern wiedererkenne.
Dokumentenmanagement, Low Code, Prozessautomation sind für Nettetal Infrastruktur, das macht die Stadt selbst. Alles, was man drumherum flanscht, sei das, worin Startups und andere Leute richtig gut sind. Heute arbeiten rund 200 Kommunen mit Neuraflow, da geht also was.
Und auch andere Unternehmen fassen Fuß. Forml aus München saß ein halbes Jahr neben der Düsseldorfer Wohngeldstelle und hat die Bearbeitungszeit halbiert, rund dreißig Städte, kein Investorengeld, und die Firma lehnt laufend Kunden ab, weil sie mit dem Ausrollen nicht hinterherkommt. Ayunis ist in 800 Kommunen, NOLIS in 450, Civora von DKSR in 150, Adhocracy+ in 100. Die Abfall-App von PCT Digital aus Kiel nutzen 250.000 Menschen. Und die elektronische Patientenakte von 50 Millionen Versicherten läuft auf der Software von Edgeless Systems aus Bochum.
An vielen Stellen wird gerade also schon gut digitalisiert. Und, ja, man kann sagen, dass das alles bei 11000 Kommunen immer noch wenig ist. Ich würde sagen: Skalierung kann klappen. Man muss nur Wege finden.
Auch der Bund hat es in diesem Jahr selbst vorgeführt. Für das Agentic-AI-Hub des Digitalministeriums haben sich über 400 Startups beworben, neun durften ran, mit 19 Kommunen. Drei Monate haben sie im Sprint zusammengearbeitet. Danach dauerte ein Pflegeantrag im Pilotlandkreis 47 statt 85 Tage, eine Datenschutzauskunft im Neckar-Odenwald-Kreis Stunden statt Wochen. Selten habe ich so viel Freude über ein Projekt erlebt. 95 Prozent der beteiligten Kommunen waren zufrieden, viele der Firmen wurden direkt weiterbeauftragt. Deepset hat im Kreis Borken in drei Monaten ein System gebaut, das 300-seitige Pflegeanträge in kleine Stücke zerlegt und rund 35 Prozent der Arbeitsschritte spart. Das Ganze kommt für einen Euro KI-Kosten pro Antrag daher. Ich habe das alles im Background aufgeschrieben. Den Link gibt es am Ende dieses Parts.
Was diese Firmen gemeinsam haben, habe ich im Juli in sechs Lektionen aufgeschrieben, deshalb hier nur in einem Satz. Sie fragen, bevor sie bauen, sie graben am Fundament statt an der Fassade, sie halten die KI kurz und den Code offen, und die meisten warten auf keinen Fördertopf. Anders gesagt, sie bauen so, wie der Staat selbst bauen müsste. Nur kleiner, granularer und vor Ort. Die meisten Unternehmen in dem Bereich sind nicht gerade groß. Aber sie sind viele und das wissen sie auch. Und ich glaube, sie wissen auch, dass sie gebraucht werden. Jüngst haben sich 33 von ihnen, darunter Ayunis und Ark Climate, zur Govtech Allianz zusammengeschlossen. Eines der drei wichtigen Themen, die auf der Startseite stehen: Vergabe und Skalierung.
Hier 👉 geht es zu meinem Text über das Agentic-AI-Hub.
Hier 👉 hat Kommune 21 über Nettetal geschrieben.
Hier 👉 war Thorsten Rode im AI-First-Podcast. Hörenswert!
Hier 👉 hat Düsseldorf über den KI-Einsatz im Wohnungsamt geschrieben.
Lektion 3: Der Staat kauft trotzdem woanders
Hier beginnt jetzt der Thread, den ich im Juli noch nicht gesehen habe, oder den ich damals noch nicht so formulieren konnte. Ich habe mal zurückgeblättert, wie diese Firmen eigentlich an ihre Aufträge kommen. Oft heißt es: Man nimmt mit, was man bekommt, und für Kommunen sei es oft einfacher, unterhalb der Ausschreibungsgrenze zu beauftragen. Flora Geske von Summ AI verkauft fast alles unterhalb der Direktvergabegrenze. Markus Poschenrieder vom Leistungslotsen wartet ein halbes Jahr auf eine Unterschrift. Mira Jago von Cuckoo Coding muss keine Ausschreibung anfassen, weil ihr Partner NOLIS die Verträge hält. Wenn sie es müsste: Wäre sie dann in dem Markt unterwegs? PCT Digital ist einem Verbund aus einem Dutzend Firmen beigetreten, um bei großen Vergaben überhaupt angebotsfähig zu sein. Und Lukas Wolf von CrowdInsights sagt, es gebe keinen Kunden Deutschland, sondern 11.000 Rathäuser mit je eigenem Haushalt und eigenem Tempo. Als mich neulich ein Podcast gefragt hat, was die Unternehmer am meisten quält, habe ich gesagt: Beschaffung und Vergabe, das sind Nightmare-Themen, über die alle sprechen.
Das Muster: Die Kleinen kommen an den Staat nur unter der Schwelle, über einen Partner oder im Verbund. Regulär, über die Vergabe, zu oft immer noch nicht. Fabian Peter von Ayedo hat beschrieben, wie eine Markterkundung in einer Behörde höchstwahrscheinlich oft aussieht: Ein Anruf bei Bechtle. Dann eine Ausschreibung mit einem Katalog, den nur der abhaken kann, der ohnehin schon groß ist. Da ist dann natürlich kein Platz mehr für andere Lösungen.
Wie das in einem Land aussieht, habe ich in Brandenburg beobachtet. Die Landesverwaltung wollte einen KI-Assistenten und hat getestet, was der Markt hergibt, Uckermark GPT, BärGPT, F13, die Lösungen von Bundesdruckerei und Telekom. Den Zuschlag bekam Dataport mit LLMoin, das schon in fünf Ländern läuft, beschafft über die Genossenschaft Govdigital, also ohne eigene Ausschreibung. Die Begründung war ehrlich, aber für kleine Unternehmen nicht besonders gut: Man hatte Angst, dass Brandenburg bei einer anderen Lösung zum Testballon geworden wäre. Bremen hat im August dasselbe getan. Seine KI‑Strategie lehnt sich an LLMoin an. Ich mache das niemandem zum Vorwurf. Wenn ein Einkäufer keine Zeit zum Prüfen hat, kauft er beim bekannten Namen. Das ist keine Böswilligkeit. Das ist Risikovermeidung – mit Rahmenvertrag. Aber, um es positiv zu drehen: So werden Lösungen immerhin flächig ausgerollt und nicht immer wieder selbst entwickelt.
Wie das aussieht, hat Ismet Koyun von Kobil erzählt. Für die Worms-App bekam er einen Auftrag über 80.000 Euro und steckte aber viel, viel Geld hinein, um zu beweisen, dass es geht. Allerdings hat er seine App auch schon in anderen Kommunen ausgerollt. Den Prototyp der Deutschland-App vergab das Digitalministerium dann über bestehende Rahmenverträge an SAP und T-Systems, ohne Ausschreibung. Koyun erfuhr es aus dem Handelsblatt. Man könne diese Entscheidung nicht nachvollziehen, sagten die meisten damals. Und der Digitalminister selbst hat im Februar auf dem Govtech-Gipfel gesagt, der Staat müsse seine Rolle als Ankerkunde wahrnehmen. Für wen? Hat er auch gesagt: Telekom, Schwarz Digits, Ionos, SAP. Standen die kleinen Unternehmen auf seiner Liste, frage ich mich? Ich glaube nicht.
Ausschreibungen setzen Kriterien, die für Startups oft nicht passen, sagt auch Henri Schmidt. Die Ministerien werden überlaufen von Tausenden, die alle die beste Idee haben, und niemand kann herausfinden, wer wirklich gut ist. Sogar eingefleischte Verwaltungsleute fragen sich hinter vorgehaltener Hand, wie ein Startup ein Vergabeverfahren überstehen sollte. Die Antwort des Ministeriums heißt Dynamisches Beschaffungssystem, eine Art geprüfter Katalog, aus dem Kommunen KI-Lösungen direkt abrufen dürfen. Regelbetrieb ab Anfang 2027, heißt es. Next e.V. hat derweil gemessen, wie die Nachnutzung heute funktioniert: 93 Prozent der Verwaltungen halten sie für wichtig, 45 Prozent kennen die Angebote gar nicht. Der Staat kauft nicht bei den Kleinen, auch weil er ihre Produkte nicht findet.
Eine Lösung, wie umfassend sie ist, kann ich allerdings nicht so recht beurteilen, hat Bayern. Der Augsburger Oberbürgermeister hat mir die Bayern Packages erklärt, bei denen der Freistaat Software für alle Kommunen einheitlich vergibt. Sein Bild: Wenn 200 Kommunen dasselbe Feuerwehrauto bestellen, bekommt keiner jeden Sonderwunsch, aber alle ein bezahlbares Auto. Und das ist, worum es geht. Laura Dornheim, Chief Digital Officer in München, hat es auf dem Govtech-Gipfel in einen Satz gepackt: „Es mangelt nicht an Geld, sondern an Standards.“ Einmal kaufen und überall in ähnlicher Form nutzen.
Hier 👉 geht es zur Ausgabe mit Ismet Koyun und seiner Super-App.
Hier 👉 geht es zum Text, wie Brandenburg seinen KI-Assistenten fand.
Hier 👉 etwas zum im April beschlossenen Vergabebeschleunigungsgesetz.
Hier 👉 geht es zur Vergabe-Landkarte für Startups des Bitkoms.
Lektion 4: Deshalb ist Souveränität eine Einkaufsfrage
Ich habe das in Ausgabe 18 schon einmal angerissen, aber es gehört in diesen Text, weil es dasselbe Problem eine Etage höher ist. Meine Gesprächspartner haben vier verschiedene Antworten darauf gegeben, was Souveränität eigentlich für sie ist. Norbert Müller von Enclaive: den Schlüssel behalten, selbst wenn die Daten bei Amazon liegen. Octave Klaba von OVH Cloud wünscht sich 15 Prozent der zehn Milliarden Euro, die Europas öffentliche Kassen jedes Jahr für Cloud ausgeben, bei europäischen Anbietern. Er sagt: „Hört auf, uns zu helfen, und fangt an, bei uns zu kaufen.“ Es müsse endlich ein Markt für hiesige Tech-Produkte entstehen. Fabian Peter von Ayedo: handlungsfähig bleiben, einen Plan B haben, alles andere seien zwölf Häkchen auf einem Formular und wenig wert. Felix Schuster von Edgeless: verschlüsselt in fremden Rechenzentren rechnen, statt Millionen in eigene Rechenzentren zu verbauen. Eine Haltung, die nicht jedem gefällt. Ich glaube, seine Technologie kann trotzdem ein Baustein sein.
Die Amerikaner haben die Einkaufsfrage längst verstanden. Und sie drücken ihre Philosophie mit großer finanzieller Potenz in den europäischen Markt: Amazon hat seine europäische Sovereign Cloud in Potsdam eröffnet, mit vier deutschen Gesellschaften und einem Preisaufschlag von 15 Prozent. Google und die Bundeswehr machen gemeinsame Sache. Die SAP-Tochter Delos, das deutsche Gegenstück, ist auf Anfang 2027 verschoben. Francesca Bria, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin, hat auf dem Govtech-Gipfel die Zahl dazu genannt: Drei Hyperscaler halten 70 Prozent des europäischen Cloudmarkts.
Ich glaube aber, auch hier passiert gerade einiges. Mecklenburg-Vorpommern lässt seine Landes-Cloud gerade von Schwarz Digits bauen und stattet 16.000 Lehrkräfte mit Opendesk aus. Ich habe die Nachricht zuerst etwas belächelt, würde aber nun sagen: Besser spät als nie. Denn auch im Lehrerzimmer muss der Staat digital handlungsfähig sein. NRW baut sich für die Finanzverwaltung ein KI-Werkzeug im eigenen Rechenzentrum, weil sensible Daten das Haus nicht verlassen sollen. Unternehmen wandern von Google zu OVH, weil die Kommunen beim Einkauf nach dem US‑Cloud-Act fragen. Müssen sie. Dagegen steht, dass Bayern seinen Palantir-Vertrag für die Polizei gerade um ein Jahr verlängert. Begründung: Man könne nicht verzichten, bis eine europäische Alternative verfügbar sei. Die kommt aber nur, wenn jemand sie kauft. Henne und Ei.
Vier Antworten, ein Jahr Beobachtung, ein Nenner. Souveränität ist keine Eigenschaft, die ein Produkt einfach so hat. Sie ist eine Fähigkeit, die hauptsächlich über den Einkauf gewonnen wird. Wer den Schlüssel behält, wechseln kann und sein Budget lenkt, ist souverän. Wer ein Etikett kauft, ist es nicht. Und ein Bekannter aus der Cloud-Branche hat mir dazu den unbequemsten Satz geliefert. Ich habe ihn in der Enclaive-Ausgabe zitiert. Der Kill-Switch, den alle bei den Amerikanern fürchten, ist in der großen Fläche bisher ein hypothetisches Risiko. Dass deutsche Technologie nicht aus dem Quark kommt und beim ersten Angebot verkauft wird, ist sehr real.
Hier 👉 geht es zu meinem Text über souveräne Clouds.
Hier 👉 geht es zum Blog von Ayedo und Fabian Peter. Lesenswert.
Hier 👉 geht es zur Meldung der Finanzverwaltung NRW.
Hier 👉 schreibt Heise über amerikanische Hyperscaler und den Cloud Act.
Lektion 5: Was wir kaufen, entscheidet, welchen Staat wir bekommen
Jetzt wird es noch mal spannend. Denn wir erleben gerade ein Phänomen, mit dem die Verwaltung neuerdings klarkommen muss: Agentic Flooding. Björn Niehaves, Professor aus Bremen, mit dem ich im Sommer über die Zukunft des Antrags gesprochen habe, beschreibt drei Wege aus der daraus resultierenden Überlastung des Staates: Aufrüsten, mehr Leute und KI in die bestehenden Strukturen. Deeskalieren, also die Verfahren vereinfachen. Oder den Antrag abschaffen und den Staat auf die Menschen zugehen lassen. Zur Erinnerung, worum es da genau geht: Menschen, die einen negativen Bescheid von einer Verwaltung bekommen haben, legen dagegen nun Widerspruch ein, den sie mit KI generiert haben. Für den Bürger ist das nun eine Art Waffengleichheit. Für den Staat eine große Belastung, denn der muss alle Anträge prüfen.
Alle drei Wege werden gerade beschritten, nur an unterschiedlichen Stellen: Rheinland-Pfalz deeskaliert, hat im August die landesrechtlichen Berichtspflichten gestrichen und lässt eine E-Mail statt einer Unterschrift auf Papier gelten. In München sehen wir das auch. Bielefeld hat die 24-Stunden-Gründung ohne ein einziges neues Gesetz hinbekommen, durch Übernahme einer vorbereiteten Gesellschaft statt Neugründung. Skalierbar ist das nicht, wenn auch kreativ. Und Forml will den dritten Weg: Statt Bittbrief eine Push-Nachricht, für dich wurde Kindergrundsicherung bewilligt. Ein proaktiver Staat. Das würde das größte Gerechtigkeitsproblem des Sozialstaats angehen, denn nur rund 40 Prozent der Berechtigten holen sich manche Leistungen für Kinder. Dieselbe Infrastruktur kann aber auch zur Jagd auf Leistungsmissbrauch werden. Beides steckt im selben System. Müssen wir uns überlegen, ob wir das wollen.
Die anderen Fragen aus den Ausgaben sind vom selben Kaliber. Kobil will das Interface des Staates in eine private Super-App legen, und aus Ahaus, wo 25.000 von 40.000 Einwohnern die Stadt-App jede Woche nutzen, kommt gerade das Argument, dass er damit recht haben könnte. Dort heißt es, dass man mit der App die Innenstadt vor der Verödung gerettet haben könnte. Policymate macht den Staat lesbar, zuerst für die, die es sich leisten können. Christian Ege von Bürokrateasy warnt vor digitalem Beton, dem analogen Prozess mit digitaler Oberfläche, der sich nie mehr ändern lässt, weil schon jemand dafür bezahlt hat und nun kein Geld mehr da ist. Lukas Wolf von CrowdInsights fragt, ob Beteiligung in der Beschlussvorlage landet oder im Datengrab. Bayern kauft bei Palantir. Und wie viel der Bund für KI ausgibt und wer ihn dabei berät, hat die Bundesregierung im August auf eine parlamentarische Anfrage hin als Verschlusssache eingestuft. Das sind alles Dinge, die in unterschiedliche Richtungen zeigen und extrem verworren sind. Aber das macht das Thema natürlich auch spannend.
Und oft sind ja noch nicht mal die, die gerade loslegen, die, die es am Ende entscheiden. Denn manchmal ziehen auch die Gerichte Grenzen: Das Verwaltungsgericht Köln hat im Juni entschieden, dass niemand zum Online-Antrag gezwungen werden darf, solange kein Gesetz das sagt. Der Kläger hatte keine Internetverbindung und bekam seine Energiepauschale trotzdem, mit Zinsen. Der Antrag sah ausdrücklich nur einen digitalen Weg vor.
Auf nichts davon haben Gründer in dem Bereich auch nur annähernd einen Einfluss. Sie werden bei der Bestellung entschieden. Jede Vergabe ist eine Entscheidung darüber, wie der Staat in zehn Jahren mit uns redet. Fürsorglich oder gläsern, offen oder einbetoniert, lesbar für alle oder nur für Hedgefonds, mit Gesicht oder ohne. Der Einkauf ist der Ort, an dem Verwaltung Politik wird. Dort müssen wir noch besser hinsehen.
Hier 👉 geht es zu meinem Text über das Agentic Flooding.
Hier 👉 hat meine Kollegin Chiara Maurer das Thema Agentic Flooding auch schon mal aufgegriffen.
Hier 👉 schreibt Niehaves über das Agentic Flooding.
Hier 👉 mehr zum Bielefelder Shortcut.
Was bleibt übrig?
Im Juli habe ich geschrieben, der Staat werde von unten neu gebaut, Schicht für Schicht, und keiner habe es geplant. Das stimmt immer noch. Aber es geht weiter. Unten wird gebaut, oben wird gekauft, und dazwischen liegt eine Lücke, in der die besten Lösungen dieses Newsletters unter der Ausschreibungsgrenze überwintern. Der Digitalminister hat beim Abschluss des Agentic-AI-Hub selbst gesagt, die Frage, wie das alles in 11.000 Kommunen komme, sei die eigentliche, und ehrlicherweise noch nicht gelöst. Henri Schmidt hat den Maßstab dafür formuliert: „Beweise nicht, dass es einmal geht, beweise, dass es fünfzigmal geht.“ Forml hat es dreißigmal bewiesen, Neuraflow zweihundertmal, Ayunis achthundertmal. Der Beweis liegt vor. Was fehlt, ist ein Käufer, der ihn liest.
Ich möchte diese Ausgabe nicht als eine traurige Bilanz gelesen wissen. Ich habe in der letzten Ausgabe geschrieben, ich hätte noch kein Unternehmen getroffen, bei dem dieser Weg kurz war, aber auch keines, das auf ihm verzweifelt. Mira Jago hat in jedem Rathaus mindestens eine Person gefunden, die Bock hatte, etwas zu ändern. Und Luca Piwodda aus Gartz hat mir den Satz gesagt, mit dem ich dieses Jahr am liebsten arbeite: „Wer den Staat reformieren will, muss dort anfangen, wo die Menschen überhaupt noch zuhören.“ Das ist das Rathaus. Die Hoffnung kommt von unten. Die Aufgabe liegt ganz oben.
Wenn euch die Ausgabe gefallen hat, freue ich mich. Und wenn ihr Lust habt, meine Arbeit zu unterstützen, freue ich mich noch mehr.
Danke fürs Lesen und schönes Wochenende!
